Zweifel – Hätte ich vielleicht doch (nicht)?

Es ist dieser Moment nach dem die erste Euphorie abebbt, das Herz freiwillig wieder langsamer schlägt, der Adrenalinspiegel sich normalisiert und die Vernunft ganz allmählich beginnt sich wieder in das Bewusstsein zu drängen. Sie stellt dann blöde Fragen – meistens vor dem Versuch einzuschlafen. Solche wie „Hubraum statt Wohnraum?“. Oder „Ist schon wieder große Krötenwanderung?“. Gemeine Fragen sind das, denn sie versuchen die heile Welt kaputt zu machen, die Emotionen niederzureden und Zweifel zu streuen. Sie versuchen sogar noch Schlimmeres, locken sie doch mit angeblichen Auswegen: „Hör mal, Freund, ich kann ja verstehen das jeder mal schwach wird .. aber das ist überhaupt kein Problem. Du kannst dich einfach binnen 14 Tagen darauf besinnen, dass du doch ein vernünftiger Typ bist der nach gesellschaftskonformen Wertvorstellungen lebt, und du jetzt lieber einen Kangoo erwerben möchtest.“.

911. Kannst du der Versuchung widerstehen? Wenn ja, wie lange?
911. Kannst du der Versuchung widerstehen? Wenn ja, wie lange?

Immer wenn dann ein PORSCHE Neuhundertundelf im Umkreis von 500m mit geöffnter Sportabgasanlage durch die Gegend „gleitet“ und der 3,8l große Sechszylinder Boxer die Glückseligkeit des Seins aus sich herausschreit, meldet sich das Herz zurück und besteht darauf, dass es charakterschwach wäre einmal getroffene Entscheidungen zu revidieren. Außerdem erinnert es daran, welche tollen Momente man mit so einem Volkswagen auf Steroiden erleben könnte und es führt auf, dass es ja bald nur noch Turbo-Motoren gibt und die dann sicherlich nicht mehr das charakteristische, legendäre Boxer-Geräusch emittieren werden. Tief im Inneren weiß man zu diesem Zeitpunkt natürlich schon lange, dass der Verstand ein einsamer Streber ohne Freunde ist, der diesen Kampf der Emotionen nicht gewinnen kann .. aber als vernunftbegabter Mensch muss man ja immerhin alle vorhandenen Optionen beleuchten.

Logischerweise versucht man nun also die Vorfreude einfach zu intensivieren, zum Beispiel in dem man tolle Dokumentationen über den berühtem „swabian Manufacturer“ im Fernsehen schaut (ich glaube ja, man hat einzig und allein auf Grund der Existenz von Porsche ein Wort für schwäbisch im Englischen ersonnen), alle greifbaren Testberichte in diversen Fachzeitschriften aus dem Archiv kramt und – ganz großer Fehler – die einschlägigen Internetforen beginnt bis zur letzten Seite (auf denen dann Beiträgen stehen, die noch vor dem Erscheinungstermin des aktuellen Modells verfasst wurden) zu lesen.

Der 911 als Allradfahrzeug. Kann Breitbau Sünde sein?
Der 911 als Allradfahrzeug. Kann Breitbau Sünde sein?

Auf diese Weise wird man mit ziemlicher Sicherheit Herr über die Frage, ob das mit der Entscheidung für Porsche wirklich so clever war. Das war natürlich richtig und wichtig und sinnvoll und überhaupt hätte man keinen Tag länger zögern dürfen. Könnte ja bald keine der berühmten Quoten mehr geben. Alles richtig gemacht also? Womöglich nicht, denn Porsche ist ja nur ein Hersteller und die Modellpalette ist mittlerweile ziemlich groß. Glücklicherweise können diverse Optionen gestrichen werden. Cayenne, Macan und Panamera adressieren eine andere Zielgruppe (sind aber deshalb nicht pauschal uninteressant), aber spätestens bei der Abwägung Boxster vs. Cayman vs. 911 wird es wirklich spannend. Der Boxster ist ja eigentlich (Achtung, nicht meine Meinung) ein Hausfrauen Porsche, der Cayman ein überteuerter Ableger desselben mit festem Dach und der 911 in der aktuellen Version eine Art Panamera mit verkürztem Radstand, einzig und allein auf ältere Semester, Märkte in Übersee und Langstrecken-Komfort optimiert.

Besteht die Anschaffung eines Porsches also letztendlich daraus das geringere Übel zu wählen? Theoretisch bestünde natürlich die Option zum heiligen Gral zu greifen. Der geneigte Leser denkt jetzt vielleicht an den turbo (S), „die Referenz“. Aber weit gefehlt, denn der ist ja kein Sauger und klingt deshalb erbärmlich (ich gebe erneut nur fremde Meinungen wieder). Nein, gemeint sind die ultimativen Fahrmaschinen aus der GT-Reihe: GT4, GT3 oder gar GT3 RS. Keine Frage, wenn ich die Wahl hätte (und es noch Quoten gäbe), für den der GT3 RS in lavaorange würde ich vermutlich auch unter einer Brücke schlafen. Der gigantische Heckspoiler würde sich sicher gut eignen, um ihn als Ausgangspunkt für eine Art Vorzelt zu verwenden. Aber: Ist keine Option, da a) zu teuer und b) soweit mir bekannt so gut wie europaweit ausverkauft. Schade eigentlich. Der GT3 ist eventuell gar nicht mehr bestellbar, war zwischendurch übel in Verruf (abgebrannte Fahrzeuge, Motortausch und so) und überhaupt, wer will schon freiwillig auf das Kürzel „RS“ verzichten. Bleibt der Cayman GT4. Ganz ehrlich, das Auto ist aus meiner Sicht genial. Die Optik ist über alle Zweifel erhaben, das Mittelmotor-Konzept hochgradig attraktiv und der Preis für Porsche-Verhältnisse gerade zu „günstig“. Man erhält hier ein unglaublich spannendes Gesamtpaket mit Komponenten aus dem GT3 (Vorderachse), dem Motor aus dem 911er S und diversen Alleinstellungsmerkmalen für rund 90.000€. Wahnsinn. Allerdings sind für den Wagen soweit mir bekannt nur Semislicks / Sportreifen freigegeben, er ist wohl nur bedingt alltagstauglich und zudem so beliebt, dass es so gut wie unmöglich ist eine Quote dafür zu bekommen, bevor die Produktion im folgenden Jahr eingestellt wird. Schade eigentlich, denn wer einen GT4 erworben hat, dürfte sich um das Thema Wertverlust erstmal keine Gedanken machen müssen (zur Zeit werden Fahrzeuge mit einem Neupreis von 100.000€ von privat gern für 120.000€ verkauft – und es finden sich Abnehmer!).

GT4 in saphirblau. Ein Traum.
GT4 in saphirblau. Ein Traum.

Okay .. nachdem wir – wie man sieht – recht problemlos das Terrain der Fragestellung „Muss es denn überhaupt ein Porsche sein?“ verlassen und gänzlich unrealistische Optionen ausgeschlossen haben, können wir uns ja einfach weiter den Kopf über die verbleibenden Optionen zerbrechen. Auf Grund persönlicher Präferenzen habe ich die Option Non-S bei allen Baureihen für mich kategorisch ausgeschlossen (die Diskussionen warum ist mir zu doof .. ich mag halt nicht), so dass es im Prinzip zu einer Abwägung zwischen Boxster GTS vs. Cayman GTS vs. 911er kommt. Streichen wir den Cayman, da ich beim Mittelmotor aktuell in Richtung Cabrio tendieren würde – puh, wieder einen Schritt an der „perfekten Wahl“? Mitnichten, denn glücklicherweise gibt es vom 11er gefühlt 100 Versionen: S, 4S, Cabrio, GTS, Targa (plus diverse Kombinationen der zuvor genannten). Wahnsinn, oder? Jede Version hat ihre Vor- und Nachteile, wobei natürlich ultimativ die Abwägung Boxster GTS vs. 911 GTS Cabrio (vielleicht auch 4GTS) der Königsweg wäre. Letzterer steht aber leider nicht zur Auswahl, denn obgleich der 911 GTS mit seinem Optikpaket innen und außen, seiner werksseitigen Werksleistungssteigerung und dem ihm nachgesagten Charakter („GT3 Light“) im Prinzip DIE Wahl wäre, ist er mir zum aktuellen Zeitpunkt etwas zu kostenintensiv. Schade.

Nur nochmal der Vollständigkeit halber: GT3 RS in lavaoranger. Besser geht es meiner Meinung nach aktuell nicht.
Nur nochmal der Vollständigkeit halber: GT3 RS in lavaorange. Besser geht es meiner Meinung nach aktuell nicht.

Zumal in unserem Fall natürlich noch die Besonderheit dazu kommt, dass wir ja schon gewählt haben. Wir vergleichen also nicht auf der grünen Wiese, sondern immer vor dem Hintergrund der Frage: Haben wir das auch richtig gemacht? (Schon ein wenig doof, oder? Aber bei Porsche geht es um Emotionen und Emotionen sind selten rational). Unabhängig davon – und ohne bisher eine Probefahrt gemacht zu haben – denke ich jedoch das der Boxster GTS in Summe ein geniales Fahrzeug ist. Optisch enorm attraktiv, im Unterhalt tragbar, leistungsstark, vielseitig konfigurierbar und somit eine sehr spannende Option. Außerdem ungefähr nur ca. 2/3 so teuer, wie ein GTS Cabrio 😉 Trotzdem muss man für sich natürlich immer die Frage beantworten, welchen Stellenwert der Mythos 911 für einen persönlich hat. Porsche nennt ihn seine Identität und viele Menschen betrachten ihn – obgleich er mit Hinblick auf die Stückzahlen hinter die viertürigen Modelle zurückgefallen ist – als Inbegriff für die Marke aus Zuffenhausen. Er ist aktuell in der siebenten, intern 991 genannten Version erhältlich, und aus meiner Sicht nach wie vor extrem attraktiv. Für Menschen mit Kindern (die auch mitfahren sollen) ist er quasi nahezu alternativlos, da er als 2+2 Sitzer ausgeführt ist und daher bedarfsweise auch vier Personen transportieren kann. Aha .. und was bringt mir das? Für uns hätte es – ganz ehrlich – auch ein Audi R8 Spyder getan. In den kleinen Kofferraum vorn passt das Nötigste, für alle anderen Fahrten gibt es Alternativen. Also schon wieder ein verunsichernder Faktor: Wird uns der 11er am Ende gar nicht glücklich machen; einfach weil er für eine ganz andere Zielgruppe konzipiert wurde? Zumindest Letzteres ist mal sicher, denn bei aller Bescheidenheit muss ich fest davon ausgehen, nicht der typische Carrera-Kunde zu sein.

Noch ein wenig (mehr) Farbe für den grauen Alltag: Cayman GTS, GT4, GT3 (von vorn nach hinten)
Noch ein wenig (mehr) Farbe für den grauen Alltag: Cayman GTS, GT4, GT3 (von vorn nach hinten)

Ich wurde vor Kurzem auf einen sehr amüsanten Artikel in der Welt aufmerksam – dieser trägt den Titel „Über die Ideologie der Porsche-Gemeinde“ (Link). Er besagt im Wesentlichen eines: Je nach individuellem Blickwinkel gibt es keinen „guten“ Porsche. Jeder rational denkende Mensch sagt jetzt natürlich „Echt? Das 10 Menschen 11 Meinungen haben, hätte ich dir auch vor 1200 Wörtern schon sagen können“, ABER .. 10 Tage vor der Abholung eines Porsches gehört man einfach nicht zur der Gruppe der Vernunftbegabten.

Anmerkung: Ich schrieb diesen Text in der Zeit zwischen Bestellung des Fahrzeugs und Abholung. Er reflektiert die Wartezeit, die Unsicherheiten, die Fragen die man sich stellt, die mannigfaltigen Eindrücke die man basierend auf den Erlebnissen und Meinungen anderer gewinnen kann und den einsetzenden Wahnsinn vor Erfüllung eines Traums. Ich hoffe zu gegebener Zeit berichten zu können, welche der hier gezeichneten Klischees sich für mich – ganz individuell – bewahrheitet haben und welche nicht. Das man insbesondere Entscheidung wie die hier diskutierten primär allein (bzw. im sehr kleinen Kreis) treffen und das entsprechende Rückgrat dafür besitzen muss, ist klar. Das heißt trotzdem nicht, dass man bezüglich der (getroffenen) Wahl zu jedem Zeitpunkt über jeglichen Zweifel erhaben ist 😉

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