Summerlove: Hallo, Boxster Spyder

Da sich bei uns die Erlebnisse gerade etwas überschlagen, habe ich beschlossen, einfach mal ganz direkt und ohne große Vorbereitung von einem der wesentlichsten Ereignisse zu berichten: Der Ankunft unseres Porsche Boxster Spyder.

"Sie haben Ihr Ziel erreicht."
„Sie haben Ihr Ziel erreicht.“

Wie kam es dazu?

Der Porsche 911 ist eine Legende. Markant, distinguiert, alltagstauglich, sportlich. Eine Ikone, die bei jeder Fahrt Spaß macht, die jederzeit souverän auftritt und sehr Vieles gut und Wenig nicht kann. Sie ist aber auch – und vor allem spätestens seit der Generation 991 – ein Kompromiss. Ausladende Proportionen, langer Radstand, hervorragende Dämmung – man könnte auch sagen: Ideal für den Alltag. Wie ich bereits an anderer Stelle berichtete, ist der Elfer aus meiner Sicht der 5er BMW der Sportwagenenthusiasten. Du kannst ihn jeden Tag fahren, ohne mit Rückenschmerzen auszusteigen, du kannst ihn entspannt durch den Stadtverkehr bewegen, du kannst Telefonkonferenzen ohne Storgeräusche führen – und wenn sie vorbei sind, drückst auf die Sport-Taste, das PDK schaltet runter, die Klappen im Auspuff gehen auf und Schaltvorgänge bei 7.800 Umdrehungen zaubern dir das Feierabend-Lächeln von einem Ohr bis zum anderen ins Gesicht. Anders formuliert: Mit dem Elfer kann man nichts falsch machen.

Allerdings besteht Optimierungspotential, wenn man sich von der goldenen Mitte, vom perfekten Kompromiss verabschiedet. „Eigentlich“ wäre es doch manchmal toll, wenn der Wagen etwas kompakter wäre. Ein wenig lauter könnte er doch eigentlich auch sein .. also zumindest von Zeit zu Zeit (immer!). Und etwas entkoppelt von der Umwelt und der Fahrbahn fühlt man sich von Zeit zu Zeit auch. Man könnte jetzt mit sanften Gegenmaßnahmen agieren. Ein 991 GTS Cabrio zum Beispiel dürfte die meisten der eben genannten Punkte (mit Ausnahme der äußeren Dimensionen) schon ein wenig adressieren. Und es wäre immer noch eine Ikone. Leider gibt es die in dieser Form aber nicht mehr, da Porsche mit dem Facelift des 991, dem 991.2, die flächendeckende Einführung des Turbo-Motors gestartet hat. Keine Frage, der 991.2 3.0l BiTurbo mit variabler Turbinengeometrie ist für sich betrachtet ein Genuss. Wir sind ihn als Cabrio bereits gefahren und die Agilität des Fahrzeugs ist beeindruckend. Der Klang ist es – außer beim Anlassen – nicht. Und er ist immer noch sehr sehr groß, was man vor allem bei Ausfahrten auf kleineren Straßen im Verbund mit ein paar Boxstern und Caymans immer wieder feststellt.

Der neue Boxster, der 718, ist ein Kapitel für sich. An vier Zylinder (autsch) mit Turbo-Aufladung muss man sich gewöhnen und eigene Erfahrungen habe ich mit dem Wagen leider noch nicht (kommt sicher noch). Aber die ersten Testberichte lassen nicht darauf schließen, dass man sich für den neuen Boxster besser sofort einen Zweitjob zur Finanzierung desselben sucht.

Zum Glück gab es einen relativ kurzen Zeitraum, in der man eine spannende Kombination aus zwei Fahrzeugfamilien erwerben konnte. Ausgestattet mit dem archaischen 3,8l Boxer-Triebwerk aus dem Carrera S und eingebaut in eine modifizierte Boxster GTS Karosserie offerierte Porsche den puristisch orientierten Enthusiasten eine fast einmalige Zusammenstellung in Form des Boxster Spyder (981). Teilelektrisches Verdeck, serienmäßige Schaltensitze, die Bremse aus dem Carrera S, 375PS, Handschaltung, serienmäßiges Alcantara im Innenraum, spezifische Exterieurelemente und eine ganz eigene Klangcharakteristik versprachen Großes. Wir vertrauten darauf, unterschrieben am 31.07.2015 für eine der wenigen Quoten (man spricht von unter 3000 gefertigten Einheiten) und wetteten somit auf das Abenteuer Spyder.

So sah das Werk aus .. rund 300 Tage später
So sah das Werk aus .. rund 300 Tage später

Was wir 306 Tage später abholten, übertraf – und da bin ich ganz ehrlich und ohne jede Übertreibung – unsere Erwartungen bei Weitem. Auch wenn wir schon diverse Fahrzeuge, auch aus dem Hause Porsche, besessen und bewegt haben, fühlte ich mich seit der Probefahrt mit einem 987 Cayman S nicht mehr so emotional berührt, wie auf den ersten Metern mit dem Boxster Spyder. Es ist schlicht unbegreiflich, wie direkt sich dieses Fahrzeug anfühlt, wie es dich in seinen Bann zieht, wie Mittendrin du bist. Die Kupplung geht schwer, der erste Gang rastet knochentrocken ein, du bewegst das Gaspedal gefühlvoll gen Spritzwand und die 3,8l hinter dir drehen so feinnervig hoch, das du denkst, du sitzt direkt auf dem Motor. Kupplung, klick, zweiter Gang, Gas, der Boxer sägt aufgeregt und schon bei 3000 Umdrehungen würdest – allein auf Grund deiner Gefühlswelt – auch blind unterschreiben, dass der Wagen 500PS oder mehr hat. Das kleinere Alcantara-Lenkrad mit der spitzeren, an den 911 Turbo angelehnten Lenkung, der feine Materialmix im Innenraum (okay, wir haben uns mit Carbon, Alcantara, Leder und farblich passenden Ziernähten auch gleich mehrere Träume erfüllt) und vor allem diese unglaublich akzentuierte Abgasanlage bringen auch große Jungs zum Kichern. Garantiert. Das Auto ist derart faszinierend, dass ich am liebsten jedem autoaffinen Freund die Schlüssel in die Hand drücken und sagen möchte: Fahr, jetzt, musst du erlebt haben, kann man nur ganz schwer beschreiben.

Je kurviger die Strecke, desto breiter das Grinsen. Hier auf dem Timmelsjoch
Je kurviger die Strecke, desto breiter das Grinsen. Hier auf dem Timmelsjoch

Dabei fing unsere Beziehung mit dem Spyder erneut alles andere als perfekt an, denn – wie auch schon beim 991 – ließ unser Porsche Zentrum viel Raum für andere Hersteller um zu zeigen, was man noch besser machen kann. Unzuverlässige Kommunikation, wenig Flexibilität bei der Abwicklung und eine mehr als lieblos vorbereitete Abholung (inkl. schlechter Aufbereitung) hinterließen einen bleibenden, wenig erfreulichen Eindruck bei mir. Auch das Wetter war zum Zeitpunkt unserer Abholung das Gegenteil von Cabrio-freundlich – wahrscheinlich wäre der Wagen beim Versuch ihn offen nach Hause zu fahren einfach vollgelaufen. Aber das alles ändert nichts daran, dass das Produkt an sich perfekt ist. Oder sagen wir es hat perfekte Veranlagungen. Denn das das Leder in der Beifahrertür von einer Kuh mit Cellulite zu stammen scheint, die Rückfahrkamera sich bei Berührung wie eine Schnecke in ihr Haus zurückzieht und der Filz im Verdeckkasten einseitig unmotiviert absteht, war ursprünglich vermutlich nicht so vorgesehen. Aber das sind ja Kleinigkeiten, die zwischenzeitlich bereits teilweise behoben bzw. zumindest adressiert wurden (übrigens von einem anderen Porsche Zentrum .. Gott sei Dank).

Bei all der Gefühlsduselei habe ich ganz vergessen einige Punkte hinreichend zu beleuchten, die im Zusammenhang mit dem Spyder häufig zur Sprache kommen. Fangen wir mit einem besonders langweiligen Detail an, dem Porsche Communication Management, sprich der Radio / Navi / Freisprecheinheit. Aus meiner Sicht gibt es zu diesem Gerät eigentlich auch nicht viel zu berichten, denn es tut, was es soll. Okay, es ist dabei manchmal etwas langsam und insbesondere in Zusammenhang mit den noch gar nicht so lange verfügbaren Online Diensten ist es zumindest bei uns ganz besonders träge, aber man kann damit arbeiten. Vor allem in einem Drittwagen. Dies kann jedoch nicht davon ablenken, dass das Gerät einfach schon rund sechs Jahre alt ist (ich denke es wurde Ende 2010 eingeführt, keine Garantie auf diese Aussage) und von diversen Alternativen am Markt weit überholt wurde. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mich das neue PCM4 vollständig vom Hocker gehauen hat. Also für den Spyder ist das Gesamtpaket, dass sich halt extrem gut in das Fahrzeug integriert, okay.

Ein Eindruck vom Innenraum - meiner Meinung nach stimmig
Ein Eindruck vom Innenraum – meiner Meinung nach stimmig

Hilfreich bzw. elementar ist beim Spyder sicherlich auch die Rückfahrkamera. Da es keine sensor-basierte Lösung gibt, ist sie gleichzeitig die einzige, ab Werk verfügbare Unterstützung um etwaige Schäden beim Rangieren zu vermeiden – und man benötigt sie dringend. Die Sicht nach Hinten ist quasi extrem eingeschränkt (fast Null) und immer einen Vorposten zum Einwinken zu entsenden, keine praktikable Dauerlösung. Im Vergleich „Parksensoren vs. Kamera“ würde ich trotzdem immer zum Sensor raten, denn wer nach dem Prinzip „Ich guck in den Außenspiegel und höre auf das Piepsen“ fährt, wird bei der Kamera-Lösung früher oder später eine unangenehme Überraschung erleben. Wir haben mittlerweile die Arbeitsteilung eingeführt, bei der die charmante Beifahrerin die Rolle des akustischen Feedbackgebers übernimmt 😉 Also im Zweifelsfall lieber PDC nachrüsten lassen, als eine Kamera, die bei ungünstigen Bedingungen gern auch sehr schnell dreckig wird.

Die Sicht nach hinten ist nicht so richtig gut
Die Sicht nach hinten ist nicht so richtig gut

Spannend ist natürlich das Verdeck. Es ist teilautomatisch, aber genau konträr zur Automatik im Mini Roadster realisiert. Dies bedeutet, dass der Haken elektrisch bewegt wird (was ganz nett ist, weil man die Verdecköffnung damit auch per Fernbedienung von Außen initiieren kann), das Verdeck selbst aber mit reiner Muskelkraft bewegt werden muss. Zu zweit ist das alles kein Problem, allein muss man schon gut gefrühstückt haben und sollte – insbesondere bei mangelnder körperlicher Bauhöhe – darauf achten, mit etwaigen Kleidungsstücken beim Anlehnen an das Fahrzeug keine Kratzer zu machen. Begleitet wird der gesamte Prozess übrigens von ein paar Falt- und Klappübungen, die beim ersten Mal nach Voodoo  aussehen, spätestens beim Fünften mal aber recht flüssig von der Hand gehen. Zum Öffnen benötigt man zu zweit mit etwas Übung um 25 Sekunden, zum Schließen ca. 35. Der langsamste Part besteht in der Tat in der automatischen Bewegung des Fanghakens, der sich sehr gerne auch mal launisch zeigt und wieder öffnet, falls er nicht perfekt mittig in die Öffnung trifft. Lustiges Rackeln und Ziehen am Verdeck gehören also fast dazu.

Unter diesen "Streamliner" genannten Höckern versteckt sich das Verdeck
Unter diesen „Streamliner“ genannten Höckern versteckt sich das Verdeck

Im Falle eines Wolkenbruchs ist man aber bereits nach ca. 15 Sekunden in einem Zustand, bei dem das Auto nur noch durch die geöffneten Türen, nicht aber durch das geöffnete Dach vollläuft (ansonsten ist es übrigens perfekt wasserdicht, wir haben das ausgiebig getestet). Insbesondere im Vergleich zu einem „normalen“ Boxster, bei dem das Verdeck bis 55 km/h elektrisch betätigt werden kann, muss man einfach sorgfältiger abwägen, ob die aktuellen Witterungsverhältnisse weitestgehend stabil sind, und / oder eine gewisse Flexibilität für kurzfristige Notstopps mitbringen. Weniger cool sind übrigens lange Strecken mit dem Spyder – selbst wenn das Verdeck geschlossen ist, sind Wind-, Abroll und Motorgeräusche deutlich wahrnehmbar und eine entspannte Unterhaltung ist bei sagen wir 170 km/h eher nicht denkbar. In dieser Aussage versteckt sich jedoch auch ein positiver Aspekt: Anders als bei anderen Cabrios bekommt man auch im geschlossenen Zustand sehr viel vom distinguierten Klang der Sportabgasanlage mit.

Schlüssel in Wagenfarbe - die farbliche Übereinstimmung ist perfekt, die Haltbarkeit nicht so sehr
Schlüssel in Wagenfarbe – die farbliche Übereinstimmung ist perfekt, die Haltbarkeit nicht so sehr

Und wie fährt sich der Spyder nun im Vergleich zum 991?

Diese Frage kann man eigentlich gar nicht seriös beantworten, dann beide Fahrzeuge sind grundverschieden. Sie erfüllen unterschiedliche Zwecke, basieren auf verschiedenen Konzepten (Heck- bzw. Mittelmotor) und bedienen ihre jeweils eigene Zielgruppe. Außerdem wird niemand glaubhaft leugnen können, dass er im direkten Vergleich stets die von ihm getroffene Wahl zumindest einigermaßen energisch verteidigen bzw. dieser den Vorzug geben wird. Aber sagen wir es mal so: Auf einer kurvigen Landstraße, bei schönem Wetter und wenn man auf ein sehr direktes Fahrgefühl in Kombination mit einem ziemlich facettenreichen und präsenten Klang steht, gibt es wahrscheinlich wenig, was mehr Spaß macht, als ein Boxster Spyder.

Spyder in Aktion
Spyder in Aktion

Dieses Gefühl mittendrin zu sein, das Kreischen des Motors, wenn du mit automatischem Zwischengas bei 80km/h vom dritten und den zweiten Gang zurückschaltest, das Spotzeln und Knallen, wenn man schon bei 4000 Umdrehungen pro Minute das Gas lupft .. das ist schon großes Kino. Wenn man ein Auto als Mittel begreift, um Dinge von A nach B zu transportieren, dann kann der Elfer das „ganz gut“, der Spyder kann das „einigermaßen“. Wenn man ein Auto aber als Spaßgerät versteht, als Möglichkeit ein bestimmtes Lebensgefühl zu empfinden, mit anderen eine Leidenschaft zu teilen, die technische Umsetzung zu bewundern, dann ist der Spyder ganz ganz weit vorn.

Immer schön Lächeln :-)
Immer schön Lächeln 🙂

Das er sich auch im Grenzbereich weit überdurchschnittlich und unglaublich neutral fährt, hat auch das letzte Fahrsicherheitstraining gezeigt, bei dem er den Instruktur und mich sehr positiv überrascht hat. Während der langen Wartezeit auf den Spyder habe ich mich häufig gefragt, ob wir etwas falsch gemacht haben. Ob ein GT4 nicht noch toller gewesen wäre, ob die Komfortsitze (und nicht die Carbon-Vollschalen) die richtige Wahl waren, ob die Farbe nicht zu gewagt ist – insgesamt, ob der Wagen seinen Preis am Ende wert ist. Ich wurde – wie eingangs schon geschrieben – selten derart positiv im Leben überrascht. Der Spyder bietet ein einzigartiges Feeling, das sich in der Realität genauso anhört und anfühlt wie in einem der zahlreichen Testberichte – wie z.B. diesem hier. Auch wenn man das Gebotene mit dem restlichen Porsche-Portfolio abgleicht, wird man – meiner Meinung nach – nur eine Option finden, die ein noch attraktiveres Preis-/Leistungsverhältnis geboten hat: der Cayman GT4.

Macht mit Freunden noch viel mehr Spaß: Der Boxster Spyder
Macht mit Freunden noch viel mehr Spaß: der Boxster Spyder

Abschließend bin ich der festen Überzeugung, dass wir mit unserem Spyder noch sehr sehr viel Spaß haben werden.

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