New England States Tag 5: White Mountain National Forest

Tag sechs unserer Rundtour durch die Neu England-Staaten stand erneut ganz im Zeichen der Natur – dieses Mal allerdings etwas (eigentlich sogar signifikant und vor allem unerwartet) actionreicher als im Acadia. Doch der Reihe nach.

Schon auf dem kurzen Weg zum Frühstück gab es das ein oder andere Vorzeichen, dass zumindest unser Vormittag unter keinem glücklichen Stern stehen könnte. Es nieselte leicht, es war kalt (ca. 18°C), im „Zielgebiet“ herrschte Gewitterwarnstufe 2 und die Niederschlagswahrscheinlichkeit sollte bis mindestens 14:00 Uhr unerfreulich hoch bleiben. Aber was soll’s – Dani hat da immer so motivierende Sprüche von wegen Regenjacken und unsere neue Kamera nebst Objektiv verfügt glaube ich auch über irgendeine vom Marketing weichgespülte Feuchtigkeitsbeständigkeit. Als starten wir leicht skeptisch aber voller Hoffnung gegen 08:00 Uhr auf unseren Trip in den White Mountain National Forest gen Westen.

Bereits nach wenigen Kilometern legten wir einen ersten kurzen Zwischenstopp ein, da wir die erste „Covered Bridge“, also eine überdachte Holzbrücke, erreichten. Wir parkten unmittelbar vor diesem ikonischen Bauwerk und erkundeten zudem den Bereich unmittelbar darunter – hier lassen sich zur Saison jeden Tage vergnügte Menschen auf Schwimmreifen und anderen Wassersportgeräten von der Strömung entlang treiben. Aus verständlichen Gründen (und geringem Wasserstand) gab es derartige Vorgänge heute leider nicht zu bewundern. Während der Weiterfahrt sahen wir jedoch unzählige Fahrradfahrer (teilweise sogar auf Tandems) die gegen Sturm und Regen (Achtung: Spoiler) ankämpften – an Motivation mangelt es den hiesigen Sportlern offensichtlich nicht.

An unserem ersten Halt im National Forest galt es auch die erste Krise des Tages zu überstehen. Unsere eheinternen Auffassung zum „Self Service“ bezüglich der Parkgebühr (gigantische 3$ die man in einen Umschlag wirft, von dem man ein perforiertes Stück abtrennt und sich an den Spiegel hängt) waren nicht gänzlich kongruent. Anders formuliert hatte Dani gewisse Zweifel, ob dieser gänzlich undigitalisierte Prozess auch tatsächlich sinnvoll und funktional ist. Wie dem auch sei, nach einer kurzen Phase der Diskussion konnten wir uns die Lower Falls am östlichen Ende des Parks endlich in Ruhe und mit reinem Gewissen anschauen. Ein ziemlich niedlicher Ort mit einem mehr oder weniger kleinen Wasserfall, der sich malerisch durch das Tal schlängelt. Über die extrem glitschigen Steine zu kraxeln um den besten Foto-Spot zu erreichen macht richtig Spaß, falls es nicht gerade anfängt zu regnen und / oder man etwas unkontrolliert über die Felsen rutscht. Beides – sowohl der Regen, als auch das Rutschen – fühlen sich potentiell bedrohlich für die Kamera an und je größer die Tropfen werden, desto weniger vertraut man dem Marketing. Glücklicherweise schafften wir es unversehrt zurück ins Auto, bevor der Regen so richtig loslegte. In Deutschland würden wir vermutlich von einem Platzregen sprechen 😉 Um nicht zu viel Zeit zu verlieren, setzten wir unsere Reise trotzdem fort – bei den erlaubten 40 Meilen pro Stunde ist auch stärkerer Regen eher kein Problem für Mensch und Maschine.

Glücklicherweise klarte es bereits auf, als wir das erste Highlight des Tages erreichten: den Flume Gorge (Gorge spricht man übrigens wie „gordsch“ – gar nicht so einfach). In Deutschland würden wir zu diesem Wunder der Natur „Klamm“ sagen, einen Kiosk irgendwo in die Nähe bauen und die Menschen würden glücklich und unbescholten die tosenden Wassermengen, umgeben von einer tiefen Schlucht, bewundern. In Amerika wird ein Visitors Center nebst Souvenirshop, Kino (für den Imagefilm), Bus-Shuttle (für die körperlich herausgeforderten), Toiletten (mit besonders geringem Wasserverbrauch) und Cafeteria gebaut. Außerdem werden entlang des Pfades alle ca. 300m „Rain Shelter“ gebaut, an denen man meist nochmals das Nötigste – also Erinnerungsstücke und / oder Essen – kaufen kann. Das ist seeeehr besucherfreundlich, äußerst professionell und rechtfertigt dann selbstverständlich einen Eintrittspreis von 16$ pro Person (für ca. 1 – 1,5h Aktivität). Das klingt jetzt alles zugegeben etwas (zu) böse, denn der Flume Gorge selbst ist wirklich ganz toll. Startet der Trail am Anfang noch recht flach entlang eines friedlich plätschernden Baches, wird es irgendwann immer steiler. Am spannendsten Punkt steht man auf einem hölzernen Steg mitten in der Klamm, links und rechts die ca. 5m aufragenden Felsen, unter einem der laut rauschende Bach, an der Wand neben einem 100 Jahre alte Algen – das ist schon richtig cool. Zum Glück war während unseres Besuchs recht wenig los, so dass wir weder gehetzt waren noch andere hetzen mussten; es blieb immer Gelegenheit für ausreichend viele Fotos aus unterschiedlichsten Perspektiven.

Nachdem man der Klamm entstiegen ist, führt der weitere Trail auf schönen Pfaden durch das Gelände, wobei es immer mal kleinere Aussichtsplattformen und nette Erklärungsschilder gibt. Etwas bemerkenswerter ist gegen Ende der „Pool“, eine Art Becken mit kreisförmiger Strömung, über das eine weitere Covered Bridge führt. Das ist alles ganz schön, aber doch eher unspektakulär (wer mal im Harz war und das Bodetal kennt – es kostet übrigens keinen Eintritt – wird von dem Kessel am Flume Gorge jedenfalls nicht allzu beeindruckt sein).

Nach einer kleinen Stärkung in der urigen Cafeteria im pompösen Besucherzentrum fuhren wir zum Lost River Gorge and Boulder Caves. Der Name klingt zugegebenermaßen sperrig, weckt irgendwie Erinnerung an die Station zuvor und ich muss zugeben mit völlig falschen Vorstellungen an diesen Part unseres Tagesplans gegangen zu sein. Zu Beginn gilt es zunächst einen Souvenirshop zu durchqueren und die Eintrittsgebühren von „nur“ 18$ pro Person begleitet von einer kurzen Erklärung („You will follow a one mile trail which will usually take  between one and one and a half hours; ihr folgt einem Pfad der ca. 1 Meile lang ist, was ca. 1 – 1,5h dauern wird“) zu entrichten. Danach geht es zunächst sehr unspektakulär über diverse Holzstege und Treppen, was doch verdächtig an Flume Gorge erinnert. Dann gelang man plötzlich an den „Wendepunkt“ des Pfades und eine erste „Höhle“. Es handelt sich im Prinzip um eine Art Höhle mit offener Decke, die man nur durch eine halbhohe Öffnung betreten und verlassen kann. Natürlich gibt es hierzu ein Erklärungsschild, das einem genau erläutert wie man rein und rauskommt, dass es keinen dedizierten Ausgang gibt und wie dieses „Gebilde“ entstanden ist (es ist der Moment in dem du dich fragst, warum auf dem Schild nicht auch noch steht „Niemals das atmen vergessen“). Das ist auch der Augenblick, in dem sich das Wort „Touristennepp“ beginnt im Hinterkopf zu manifestieren. Aber dann gelangt man über einige weitere Holztreppen – inklusive ganz netter Aussicht auf die nicht allzu tiefe Klamm – zu einer zweiten Höhle. Es folgt eine kurze Überlegung, ob der Eingang nicht irgendwie relativ klein aussieht, bevor man sich plötzlich mittendrin befindet, sich den Rucksack wechselweise übergibt und irgendwie leichte Zweifel aufkommen, ob alle Kleidungsstücke den Tag überstehen werden. Spätestens bei der Höhle mit dem klangvollen Namen „Lemon Squeezer“ realisiert man final, was man hier tut: Man befindet sich in einem Kletterwald, nur eben für’s Höhlen-nun ja -durchkrabbeln. Ganz im Ernst, wenn man dann plötzlich schräg in einer Felsspalte klemmt, schräg hinter einem der Fluss laut rauscht und man sich jetzt überlegt, wie man den Kopf als erstes durch die kleine Öffnung rechts neben dem Fuß bekommt, dann hat das schon einen gewissen Unterhaltungswert. Es ist der Moment, in dem man die Diskussion „Schatz, wollen wir das wirklich?“ nur liebevoll in die Richtung „Wir sind doch schon soweit gekommen“ lenken kann, um zu erfahren, wie es hinter dem nächsten 90° Knick in fast völliger Dunkelheit weitergeht. Eigentlich kann ich immer noch nicht so richtig glauben, was wir da gemacht haben. Es war die mit Abstand unamerikanischste Erfahrung aller USA-Reisen und ich wüsste auch nicht, in welchem anderen bekannten (sicheren) Reiseland man ein derartiges Abenteuer erleben kann. Klar, eigentlich krabbelt man nur durch 5 – 15m kurze Höhlen, aber uneigentlich hat man keine Stirnlampe, keinen Helm und keine Knieschoner um durch die mitunter sehr engen Röhren zu gelangen, die man teilweise nur auf dem Bauch liegenden durchqueren kann – während immer mindestens ein Körperteil Kontakt zum Fels hat. Wie ich bereits sagte: ein Abenteuer mit nachdrücklichem Charakter.

Nach den spannenden 11 Höhlen folgen noch weitere Stege und Treppen inklusive Schwebebrücke, die einen aber ziemlich kalt lassen, wenn man sich erst einmal komplett eingesaut und den innereren Schweinehund überwunden hat – ich spare daher weitere Details an dieser Stelle aus.

Als wir am Lost River fertig waren, war es ca. 14:45 Uhr und unsere restliche Tagesplanung hatte ein gewisses Loch: zur nächsten Unterkunft waren es nur ca. 30 Minuten; die möglichen Kandidaten für weitere Stationen befanden sich aber allesamt mindestens 1h entfernt und hatten nur bis 17:00 Uhr offen. Wir entschieden uns trotzdem zu Vermonts größtem Maislabyrinth zu fahren – auch auf das Risiko hin, dass wir möglicherweise nicht mehr eingelassen werden würden. Allein die Fahrt zum und vom Corn Maze war jedoch ein echtes Highlight. Die letzten 10 Kilometer ging es über sehr gut befestigte Feldwege, auf denen das Tempolimit teilweise höher als auf den Highways (also bei gigantischen 35 Meilen pro Stunde) war. Ich fühlte mich massiv an eine Rallye-Sonderprüfung erinnert und Worte wie „Schotter, Kurve links, nicht schneiden“ geisterten durch meinen Kopf. Je näher wir unserem Ziel kamen, desto unsicherer wurde ich, denn weit und breit stand kein Schild, welches auf das Labyrinth verwies. Erst unmittelbar vor unserer Ankunft – an der letzten Kreuzung irgendwo im nirgendwo – in Deutschland würde man sagen auf einem Feldweg – plötzlich eine Notiz am Baum: Maze 623ft. Und schon waren wir da. Und schon mussten wir erkennen, dass das letzte Highlight des Tages keines werden würde, denn es war geschlossen (letzter Einlass 15:00 Uhr, Zeitbedarf für die verirrende Erfahrung laut Betreiber mindestens 2,5h). Trotzdem genossen wir die Aussicht von der Farm und schlossen Freundschaft mit der Kuh Mercedes und ihrem Bullenkalb Benz (die hießen wirklich so). Am Horizont konnte man auch ihre Freunde mit den vermuteten Namen „Dr.“, „Ing.“, „h.“, „c.“, „f.“, „Porsche“ und „AG“ auf der Weide sehen, aber für ein Gruppenbild kamen wir nicht nah genug ran.

Also fuhren wir unverrichteter Dinge wieder nach Süden zu unserer nächsten Unterkunft im malerischen Städtchen Quechee (oder wie unser Navi sagt „Kitschi“). Die Landschaft Vermonts war derart faszinierend, dass wir die Interstate rechts liegen ließen und nahezu die gesamten rund 100km über die US 5 fuhren. Ernsthaft, ich habe glaube ich noch nie so viele saftige Weiden, grüne Hänge und  sanfte Hügel wie hier gesehen. Noch dazu wirkt alles unglaublich aufgeräumt und sauber, gerade so, als würden sich sämtliche Ortschaften auf eine Parade vorbereiten. Unsere Gastgeberin erklärte uns später übrigens das man sagt in Vermont leben wahrscheinlich mehr Kühe als Menschen – sehr sympatisch 😉

Bevor wir den Abend ausklingen ließen, besuchten wir kurz vor Sonnenuntergang nach ganz kurz die (den?) Quechee Gorge – denn auch dieser kleine Ort hat seine eigene Klamm. Diese ist wirklich unfassbar tief, aber bei Weitem nicht so malerisch wie die gegen Eintritt erkundbaren Pendants in den White Mountains.

Morgen widmen wir uns dann einer weiteren landwirtschaftlichen Erfahrung, bevor wir am Abend in New York eintreffen werden. Auf das anstehende Kontrastprogramm zu unserem bisher sehr friedlichen Trip bin ich äußerst gespannt und hoffe berichten zu können.

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