New England States Tag 6: Meet the Jerseys!

Unseren heutigen Tag in den Vereinigten Staaten könnte man wie folgt zusammenfassen: Kühe streicheln, dann sehr lange mit ziemlich viel Stau Auto fahren, dann Kulturschock, dann bloggen.

Aber obwohl es – auch nach lokaler Zeitrechnung – schon recht spät ist, werde ich versuchen ein wenig ausführlicher zu berichten und meine geistige Richtschnur von mindestens 1000 Wörtern pro Tag zumindest ansatzweise zu erreichen.

Um das zu schaffen,  beginne ich am besten mit dem Start in den Tag – unserem gemeinsamen Frühstück mit unserer Gastgeberin in Quechee (man spricht es übrigens in der Tat „Kieschi“ aus – falls sich jemand gefragt hat). Wie schon in Kalifornien haben wir uns nämlich auch dieses Mal an einigen Stationen unserer Reise für Unterbringungen über Airbnb entschieden, und in Vermont war es das erste Mal auf diesem Trip soweit. Das von uns gemietete Zimmer mit eigenem Bad war wirklich großartig – großzügig dimensioniert, sehr modern eingerichtet, sehr liebevoll hergerichtet und perfekt sauber. Entspannter hätte man die Nacht kaum verbringen können. Beim gemeinsamen Frühstück (man hätte natürlich auch allein essen können) haben wir dann ausgiebig über die aktuelle Situation in Deutschland, die anstehenden Wahlen und das Leben in den Staaten insgesamt gesprochen, was definitiv sehr interessant und aufschlussreich war.

Anschließend steuerten wir Billings Farm and Museum an – eine (immer noch produktive) Farm, die jedoch auch sehr bekannt für ihre Besucherfreundlichkeit und ihre Ausstellungen ist. Man kann sich das ein wenig so vorstellen, dass dort tatsächlich Tiere wie in einer regulären Landwirtschaft gehalten und „bewirtschaftet“ werden, dies jedoch sehr transparent und für die Besucher begeh- und erlebbar. Alle Farmmitarbeiter sind daher sehr offen und stehen jederzeit Rede und Antwort – ob im Kuhstahl oder beim Umladen von Kraftfutter aus einem Hänger in ein Silo mittels zweier Traktoren. Außerdem gibt es mehrere Ausstellungshäuser, u.a. ein Farmhaus das in Optik und Einrichtung dem Stand von 1890 entspricht, eine Sammlung alter Fahrzeuge, eine Kollektion zeitgenössischer Werkzeuge und so weiter. Die Qualität des gesamten Anwesens ist wirklich enorm und die Aufbereitung der Ausstellung sehr detailverliebt und schön gemacht. Bei Regen könnte man locker 2-3h damit zubringen sich alle Maschinen im Detail anzuschauen, an (kostenlosen) Führungen zu partizipieren und die sehr interessanten Erklärungsschilder zu lesen.

Ganz so viel Geduld hatten wir jedoch nicht, da uns die „Lifestock Barns“, also die Gebäude mit lebendem Vieh viel mehr gereizt haben. Schon draußen vom Parkplatz aus haben wir ca. 20 der 70 auf der Farm lebenden Jersey-Kühe in unterschiedlichen Wachstumsstufen auf den verschiedenen Weiden gesehen – die meisten von ihnen sehr neugierig und zugänglich. Die Mitarbeiter der Billings Farm ermuntern die Besucher aktiv die Tiere zu „paten“ – also zu streicheln – was wir uns natürlich nicht nehmen ließen. Sobald wir uns dem Gatter näherten, kamen vier Kälbchen auf uns zu und fingen aufgeregt an uns zu beschnüffeln. Entgegen der lokalen Kühe waren die Kleinen – sie waren an das was nun passierte offensichtlich sehr gut gewöhnt – Streicheleinheiten gegenüber sehr offen und ließen sich bereitwillig betatschen. Nachdem beide Hände, beide Unterarme und das Fitnessband voller Kuhspeichel und Kraftfutter-Resten waren (die Uhr konnte ich gerade noch so retten), beschlossen wir ein wenig weiterzuziehen und uns den Kuhstall näher anzuschauen. In diesem stehen tagsüber alle Kühe, die aktuell gemolken werden. Manche von ihnen sind ganz entspannt und streichelfreudig, andere zwar neugierig, aber Berührungen gegenüber eher ablehnend. In jedem Fall ist immer ein Mitarbeiter in der Nähe, der Fragen beantwortet und interessante Details zum Leben der Tiere erzählt. So wurde uns beispielsweise berichtet, dass die Kühe der Billingsfarm rassebedingt extrem faul sind und für sie der Stall offensichtlich das Paradies darstellt. Freies Wasser, endloses Futter, Schatten, eine leichte Brise (es waren Ventilatoren im Stall). Wenn man die Tiere dann angekettet in ihren Boxen sieht, mit Scheuerstellen im Nacken vom Gerüst, die Kette recht eng um den Hals und eine Art „Zackenleiste“ über dem Rücken (damit sie sich nicht über die normale Haltung hinweg aufrichten können), kann dieses Bild schon mal etwas bröckeln. Ich bin natürlich kein Experte, aber uneingeschränkt schön wirkte der Gesamteindruck im Stall auf mich zumindest nicht. Nachts dürfen die Kühe nach Aussage der Betreuer übrigens raus, was sie aber scheinbar nicht sonderlich mögen.

Die Billingsfarm züchtet übrigens auch, wovon wir uns anhand diverse Trophäen und Preise überzeugen konnten. Die letzten Ergebnisse der Züchtung – in Form von zwei bis drei Wochen alten Kälbern – konnte man nur hinter einer Plexiglasscheibe sehen, was ihrem Niedlichkeitsfaktor natürlich keinen Abbruch tat. Ansonsten kann man auf der Farm noch extrem niedliche Schafe streicheln (diese Rasse habe ich bisher noch nie gesehen – sie sah aus wie kleine Ewoks aus Star Wars) und Pferde ignorieren – weitere Tiere gab es zum Zeitpunkt unseres Besuchs nicht zu sehen.

Nachdem wir die Billings Farm gegen 14:30 Uhr verlassen hatten, suggerierte uns das Navi eine Fahrtzeit von ca. 4:30h für die 429km lange Strecke nach New York bzw. Brookyln – wir hätten also kurz vor 19:00 Uhr ankommen sollen. Das hat definitiv nicht geklappt. Ab ca. 250km vor unserem Ziel häuften sich die Verkehrsstaus, so dass wir immer wieder nur sehr schleppend voran kamen, was doch sehr ermüdend war. Hinzu kommt, dass ich in den USA noch nie einen derart aggressiven und rücksichtslosen Verkehr erlebt habe, wie hier. Da wird permanent Spur-Hopping betrieben (häufig inkl. Schneiden anderer Verkehrsteilnehmer), Spurwechselwünsche werden ignoriert und das Tempolimit wird gefühlt meistens um mindestens 20 Meilen pro Stunde überschritten – ziemlich unangenehm für Touristen nach einem langen Tag.

Auch sonst bin ich der Meinung, dass man eine Fahrt von Vermont nach New York an einem Tag gar nicht zulassen dürfte, so extrem ist der Kulturschock. Wirkt die Skyline im Sonnenuntergang von einer der Brücken noch malerisch, relativiert sich dieser Eindruck nach dem Verlassen der Interstates und Parkways doch ziemlich – vor allem im  Dunkeln. Sparen wir weitere Beschreibungen an dieser Stelle aus und sagen einfach: basierend auf meinen ersten Eindrücken ist die Stadt schon sehr speziell – meiner Meinung nach sogar wesentlich „taffer“ als Los Angeles. Ich bin schon sehr gespannt auf unseren morgigen Tag in Manhattan, der sicherlich einer der körperlich anstrengenderen dieser Reise wird.

P.S.: 996 Wörter, also knapp unter dem Ziel. Aber der Tag war wirklich sehr lang.

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