New England States Tag 11: Zeitreise in die Gründerzeit

Eine Warnung vorab: Auch bei diesem Beitrag aus unserer „New England States“-Serie bin ich mir nicht sicher, ob es mir gelingen wird, die Eindrücke korrekt zu beschreiben. Außerdem stehe ich unter dem starken Einfluss einer wirklich tollen Unterkunft, die mir nach ziemlich vielen Nächten in „akzeptablen“ Zimmern endlich mal wieder das Gefühl gibt zu Hause zu sein (oder wie unsere amerikanischen Freunde sagen würden: a home far away from home).

Dabei begann unser Tag eher enttäuschend und ich habe mir im Vorfeld vorgenommen das auch in aller Ehrlichkeit so zu beschreiben. „Eigentlich“ hatten wir geplant mindestens die Hälfte des Tages in Newport (Rhode Island) zu verbringen – einer malerischen Stadt, die für ihre überdimensionalen Prunkbauten (die Mansions) und ihren sehr großen Hafenbereich bekannt ist. Ich sage bewusst Hafenbereich, da die Infrastrukturen am Wasser an der Neu England-Küste nicht unserem klassischen europäischen Bild eines Hafens mit mehreren Stegen und einer steinernen Einfassung entsprechen. Viel mehr handelt es sich um eine Art zum Ufer hin zunehmend flache Bucht, in der die meisten Boote vor Anker liegen und in der es meist mehrere, verteilte Kais für kleinere Shuttle-Boote und einige wenige große Yachten gibt.

Außerdem wollten wir gern eine drei stündige Bootstour auf einer America’s Cup Yacht unternehmen – nach den diversen, eher ruhigen Hafenrundfahrten in den letzten Jahren hatten wir mal Lust auf etwas authentische Segelaction auf einem richtigen Sportboot. Dieser Plan wurde frühzeitig und nachhaltig zunichte gemacht, da während unseres Besuchs am Atlantik kein noch so kleines Lüftchen ging – ziemlich untypisch und für unser Vorhaben mindestens „unglücklich“ (das ist die politisch angesagte Formulierung für „ganz schön sch..lecht“). Ein kurzes Gespräch mit der Dame am Ticketschalter bekräftigte unsere Befürchtungen überraschend, stellte sie eine im besten Fall leichte Segeltour („a light sail“) in Aussicht. Gefahren wird natürlich dennoch, denn die 36 – 70$ (je nach Tour) kann man ja notfalls auch im Schneckentempo einsammeln. Wir entschieden uns dagegen und gingen sofort zum zweiten Agendapunkt des Tages über: der Hafenbesichtigung. Beim Versuch den Booten näher zukommen, realisierten wir endlich auch, warum die Unterkünfte in der Region aktuell so rar und teuer sind: es war bzw. ist „Newport International Boat Show“. Jetzt kommt der wirklich frustrierende Teil: Was die Organisatoren dieser Show – offensichtlich in Absprache mit der Stadt – gemacht haben, ist schlicht eine nahezu vollständige Sperrung aller Stege und aller Bereiche des Hafens. Außer in ganz wenigen Arealen stehen überall Zäune und Tore, die man ohne Eintrittskarte zur Show nicht passieren darf. So bekam man binnen Minuten den Eindruck in einem Gefängnis und nicht einem beliebten Städtchen am Meer zu sein. Falls sich jemand fragt, warum wir nicht einfach den Eintritt bezahlt haben: Wir hatten einfach keine Lust 20$ pro Person zu zahlen, um danach gemeinsam mit mehreren hundert „wenig trainierten“ (sprich restlos übergewichtigen) Amerikanern im Zeitlupentempo über die kleinen Kais zu schlendern. Dass man dazu eine mindestens 60 Personen lange Schlange am Eingang hätte überwinden müssen, war übrigens auch nicht förderlich.

So verließen wir den Hafen recht schnell und fuhren zu den Mansions. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich dabei um eine Sammlung von gigantischen Anwesen, die teilweise auf Augenhöhe mit den Hamptons, teilweise nochmals darüber liegen. Dafür sind sie natürlich wesentlich älter und – hier kommt der wichtigste Unterschied – sie sind für den Publikumsverkehr geöffnet. Dies bedeutet, dass man zwischen 15 und 25 Dollar pro Person pro Anwesen bezahlt, damit man das jeweilige Grundstück besichtigen und ein paar Räume des Hauses betreten darf. Das ist alles ganz okay, aber das Preis-/Leistungsverhältnis ist insbesondere für Menschen, die mit „historischen“ Gebäuden vertraut sind, fast schon befremdlich. Man stelle sich einen US-Amerikaner vor, der einen ausgedehnten Spaziergang z.B. durch Stuttgart (inkl. Villa Berg) unternimmt. Er dürfte sich nach einem halben Tag euphorisiert in einem „German Beergarden“ betrinken, da er so viele unglaublich alte Gebäude in einem derart tollen Zustand gesehen und dafür nicht einen Dollar (noch nicht einmal „Suggested Donation“, also empfohlene Spende) gezahlt hat. In Newport hingegen hat man sogar die gigantisch hohen Zäune nachträglich mit historisch nur bedingt authentischem Sichtschutz (grünem Stoff) nachgerüstet – irgendwo gibt es meiner Meinung nach eine Grenze. Dafür ist der Cliffwalk ganz in der Nähe recht nett, er bietet jedoch nur sehr wenige Ausstiegspunkte um zum Parkplatz zurückzukommen („next exit 2 Miles“).

Fassen wir zusammen: Bootsfahrt ausgefallen, Hafen quasi gesperrt, Mansions unverschämt abgeriegelt und teuer (okay, das wussten wir vorher) – die Stimmung war vorsichtig formuliert nicht ideal. Dann kam die rettende Idee: Ich sagte „Lass uns nach Boston fahren“ und Dani entgegnete „Was hältst du von der Plimoth Plantation – die wollten wir eh machen und wir müssten es heute noch schaffen.“. Die Idee fand ich sofort überzeugend und so kamen wir ca. 1h später in Plymouth an. Keine 26 Dollar pro Person später waren wir mittendrin in der Zeitreise in die Gründerzeit. Vielleicht erkläre ich im Vorfeld zunächst kurz den thematischen Hintergrund des kulturellen Highlights: es handelt sich um ein lebendes Museum, dass die Besiedlung Nordamerikas im Jahr 1624 (und zwar exakt in diesem Jahr) zeigt. Dies bedeutet es gibt die Gebäude , die Werkzeuge und die Lebensweise aus dieser Zeit zu sehen – verkörpert und erklärt von Menschen, die so tun, als ob sie in dieser Epoche leben. Und genau hier liegt der Mehrwert: die sehr talentierten Schauspieler der Plantation bringen einem Geschichte auf eine sehr interaktive und eingängige Weise näher – dazu gleich mehr.

Zu Beginn der Wanderung durch die Geschichte trifft man zunächst auf vier Vertreter eines Stamms nativer Einwohner („Natives“, wir würden umgangssprachlich Indianer sagen). Diese leben – konträr zu den Siedlern – keine bestimmte Rolle, sondern sind im Prinzip Botschafter ihrer Kultur. Dies tun sie, in dem sie in authentischer Kleidung verschiedene Tätigkeiten in einem kleinen, traditionellen Dorf ausführen und dabei für Gespräche mit den Besuchern zur Verfügung stehen. Wir hatten beispielsweise einen sehr interessanten, ca. 30 Minuten langen Dialog mit einem Stammeskrieger (43, macht den Job seit 26 Jahren), der uns zunächst intensiv über unsere Hintergründe ausgefragt hat, bevor er uns spannende Details zu seiner Kultur und dem Dorfleben erklärt hat – z.B. das derzeit eine weitere Hütte auf traditionelle Art gebaut wird, wobei jeder Schritt öffentlich vor dem täglichen Publikum erfolgt. Da die Natives jedoch „keine Rolle spielen“ (im Sinne von „sie schauspielern nicht“), kann man sich mit ihnen auch ganz regulär über moderne kulturelle und andere Aspekte austauschen.

Dies funktioniert ca. 300m später definitiv nicht mehr: Nach einem gewundenen Weg betritt man durch eine Art Torhaus eine kleine Siedlung, die in Aufbau und Aussehen wie gesagt dem Stand aus 1624 entsprechen soll. Optisch ist das eigentlich zunächst gar nicht so spektakulär: ins Auge fallen eine Hauptstraße, zwei bis drei Nebenstraßen, ca. 10 Hütten und ein paar Tiere (Kühe!). Wirklich spannend wird es, sobald man sich den Einwohnern des kleinen Dorfs nähert: sie gehen meist ihrer alltäglichen Arbeit nach und sind in der Regel für Fragen der Besucher offen. Man kann sie jedoch auch mehr oder weniger ignorieren und sich einfach in den Hütten umschauen, wobei diese derart authentisch und belebt wirken, dass man sich fühlt, als ob man in das Haus eines Fremden eingebrochen ist. Dies allein klingt banal, ist aber schon mal eine ziemlich interessante Erfahrung. Je mehr Zeit man sich für die Gespräche mit den Siedlern nimmt, desto faszinierender wird der Besuch in Plimoth. Man muss einfach die Vorstellung zulassen, dass man sich im Jahr 1624 befindet, die in dieser Siedlung lebenden Pioniere mit der Mayflower über den Pazifik kamen und nun versuchen hier eine Zukunft aufzubauen. Wenn man diese mentale Hürde überwunden hat, stellen sich unzählige Fragen, die man schon immer mal los werden wollte. Wie war die Überfahrt? Wie viele Menschen haben überlebt? Habt ihr Angst vor den Eingeborenen? Plant ihr hierzubleiben? Was machst du hier eigentlich für einen Job? Verdienst du mit deiner Arbeit Geld? Bist du glücklich? Der geneigte Leser möge sich einfach mal in die Situation versetzen – dann wird sicherlich schnell klar, was die Faszination dieses Orts ausmacht. Auf all diese Fragen kriegt man nämlich Antworten – allerdings in einer sehr launigen, unterhaltsamen und individuellen Art. Man hat niemals das Gefühl, dass die „Siedler“ (Schauspieler) nur ihr Textbuch abspielen und immer wieder die gleichen Sätze emotionslos abspielen. Auch gibt es keine peinlichen Dialoge in der Form „Oh, was haben diese komischen Leute denn da drüben  .. es sieht aus wie ein Fernglas, aber sie drücken darauf rum“). Nein, zu meiner großen und positiven Überraschung ergeben sich sehr spannende Dialoge über das Leben in der damaligen Zeit, die das „Mindset“ (also die Lebenseinstellung) der aus England stammenden Pioniere eindrucksvoll transportieren. Hier einige Beispiele:

  • Frage an einen Siedler, ob er glücklich mit seiner Wahl ist übergesiedelt zu sein („Are you happy with your choice?“. Antwort: „Well I would not describe it to that positive extend“ / Soweit würde ich nun nicht gehen
  • Suggestionsfrage: „So I guess there’s a great future waiting for you?“ (Gehe ich recht in der Annahme, dass also eine tolle Zukunft auf dich wartet?). Antwort: „A future full of possibilities“ / eine Zukunft voller Möglichkeiten
  • Totale doofe Frage: What are you doing here? / Was machst du hier überhaupt? Antwort: I’m sitting here on a bench in the shade / Ich sitze hier im Schatten auf einer Bank
  • Frage: Why did you leave England / warum bist du überhaupt aus England weggegangen? Antwort: Because my father expected that I mary the fat, ugly daughter of the tailor. She stinks and has no teeth / Weil mein Vater erwartet hat, dass ich die dicke, hässliche Tochter des Schneiders heirate – sie sie stinkt und hat keine Zähne
  • Frage: What’s your job over here? / Was ist dein Beruf hier? Antwort: I’m a farmer. We are all farmers. / Ich bin ein Farmer, wir sind alle Farmer.
  • Frage: Aren’t you afraid someone could come and take your land? / Hast du keine Angst, dass jemand kommen und dein Land wegnehmen könnte? Antwort: No, that’s against the law and we Englanders obey the law / Nein, dass wäre gegen das Gesetz und wir Engländer halten uns an das Gesetz.

Mit Hilfe dieser und vieler weiterer Fragen (wir haben über 4h in der Siedlung verbracht und dabei allein mit drei Schauspielern jeweils knapp 1h erzählt) lernt man wirklich viele Hintergrundinformationen und Details über die Gründerzeit – Dinge, die man so nie erwartet hätte und die aus aktueller Sicht geradezu absehbar waren. So wurde beispielsweise das Risiko von blutigen Auseinandersetzungen mit den Eingeborenen („Sie sind gute Freunde, wir handeln mit ihnen) ebenso negiert wie das Risiko von Konflikten mit anderen Nationen („Die Spanier sind 3000 Meilen im Süden und interessieren sich nur für Gold, die Franzosen sind 2000 Meilen im Norden – kein Problem)“. Auch etwaige Bedrohungen durch Piraten hat der erste Vertreter des lokalen Gouverneurs nicht gesehen – die kämpfen nämlich nur im Kanal nahe England und nicht an der amerikanischen Küste. Im Zweifelsfall ist alles Gottes Wille – hier wird der puritanische Geist sehr glaubhaft transportiert.

Außerdem lernten wir extrem interessante Hintergründe zu den wirtschaftlichen Interessen der Siedlung und den Zielen der einzelnen Pioniere („Wenn ich hier sieben Jahre arbeite, erhalte ich 350 Acres Land, das kann ich dann wiederum anderen Siedlern verpachten)“. Extrem bemerkenswert fand ich das nahe Verhältnis zu England. So war die Siedlung niemals als authentische Einheit gedacht, sondern basierte von Anfang an auf der regelmäßigen Lieferung von Gütern aus der Alten Welt (z.B. Schießpulver, Nutztiere, Kleidung, Nägel usw) und im Gegenzug der Rücksendung wirtschaftlich interessanter Güter an die Finanziers der Siedlung. Dies entspricht so gar nicht meiner Vorstellung von der Gründerzeit („Ihr seid der Brückenkopf, ihr müsst so schnell wie möglich lernen autark zu leben), was sich auch in der vergleichsweise regelmäßigen Schiffsverbindung zwischen beiden Kontingenten fortsetzt. Eine Reise von und nach England wurde als durchaus valide Option angesehen – sie dauerte zwar drei Monate, war aber keinesfalls undenkbar. Ich könnte so vermutlich noch ganz viele Details aus unseren Gesprächen wiedergeben, aber das sprengt sicherlich den Rahmen des Beitrags. Ich möchte daher mit der Zusammenfassung schließen, dass ein Besuch in der Plimoth Plantation eine ganz tolle Erfahrung ist, die aber nur funktioniert, wenn man sich auf das lebende Museum einlässt, bereit ist mit den Siedlern zu reden (es gibt so gut wie keine Hinweisschilder), nicht viel los ist und man zumindest ein Grundinteresse an Geschichte hat. Rückblickend betrachtet hätte ich mich gern noch intensiver mit den historischen Zusammenhängen beschäftigt, um noch interessantere Fragen zu stellen – ein weiterer Punkt für die „beim nächsten Mal“-Liste.

Wie man sicherlich merkt, bin ich immer noch ganz fasziniert vom Tag. Hinblickend auf den bereits sehr stattlichen Umfang dieses Beitrags sehe ich mich leider gezwungen weitere Details zu unserem Spaziergang zum Strand in Plymouth und unsere Unterbringung des Tages signifikant zu verkürzen bzw. diese auszulassen.

Um nun aber nach dem traurigen Start in Newport und der fantastischen Fortsetzung in Plymouth mit einer weiteren tollen Sache zu schließen, möchte ich noch kurz von unserer Unterbringung für die nächsten zwei Nächte berichten. Wir haben – mal wieder – eine Unterkunft über Airbnb gebucht, die unsere Erwartungen jedoch deutlich übertroffen hat. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir erst die dritten Mieter des neu gebauten Apartments sind, die Ausstattung mehr als komplett ist, wir eine sehr schöne und fast schon freundschaftliche Unterhaltung mit unserer Vermieterin hatten und bei der Ankunft zudem ein voller Kühlschrank gewartet hat. Wer den Gegenwert von kalten Getränken, frischem Brot und zwei großen Schalem frischem Obst in Amerika kennt (ich tippe in Summe auf ca. 50 Dollar) und zudem mit den Preisstrukturen  der hiesigen Unterbringungen vertraut ist, wird vom Preis-/Leistungsverhältnis umso faszinierter sein. Wie auch schon in Kalifornien zuvor hat uns Airbnb die bisher besten Unterkünfte des gesamten Urlaubs beschert. Morgen wartet dann Boston auf uns – ich bin gespannt.

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