New England States Tag 12: Boston

Nach den eher beschaulichen Tagen in den Hamptons, Mystic und Newport bzw. Plymouth wurde es heuter wieder etwas turbulenter, denn eine intensive Stadtbesichtigung des historisch bedeutsamen Bostons stand auf unserem Programm. Glücklicherweise sind wir am Wochenende hier, so dass zumindest die Fahrt in die Stadt und die Parkplatzsuche dort relativ problemlos verläuft – vor einer derartigen Unternehmung unter der Woche hat uns bisher jeder Ortsansässige spätestens im dritten Satz gewarnt.

Unser Plan sah vor recht zentral bei den Boston Commons – dem ältesten Park der Vereinigten Staaten – zu parken  (18$ pro Tag – das ist nahezu rekordverdächtig günstig) und von dort aus die Stadt zu erkunden. Das hat grundsätzlich auch gut funktioniert, mit der Einschränkung, dass an diesem Wochenende ein Festival namens „Boston Freedom Rally“ stattfand. Ich verzichte jetzt mal darauf Rechercheergebnisse von der Veranstalter-Website wiederzugeben und beschränke mich einfach auf unsere ganz individuellen Erfahrungen und Eindrücke. Basierend auf diesen würde ich das Happening wahlweise als „Hippi-Fest“ oder „Convention für Freunde der Marijuana-Pflanze“ bezeichnen. Dies bedeutet, dass überall Müll rumlag, an jeder Eck Bongs und anderes „Equipment“ verkauft wurde, die Straßen mit Trucks gepflastert waren, die vielseitige Aufschriften wie „Yes! We deliver Weed to your home. Selling per pound“ (Ja, wir liefern dir Gras nach Haus – Verkauf pfundweise). Das eine solche Veranstaltung natürlich ein gewisses Klientel (in großen Massen) anlockt, ergibt sich von selbst. Über die verstörende Musik schreibe ich einfach nichts. Über den intensiven Geruch unserer Kleidung nach diesem Tag auch nicht – nur so viel, auf dem Weg zurück in unsere Unterkunft fuhren wir die ersten 3 Kilometer mit offenen Fenstern, um etwas auszulüften (man will ja keinen falschen Eindruck bei den Airbnb-Hosts hinterlassen).

Nachdem ich nun also dieses zentrale Element unseres Tages ausgiebig geschildert habe (wir mussten es im Rahmen unserer Stadt-Erkundung mehrfach durchqueren), kann ich ja damit beginnen unsere sonstigen Eindrücke der ausgiebigen Boston-Erkundung zu schildern. Anfangs waren wir der naiven Ansicht, wir könnten die Stadt und ihre wichtigsten Plätze einfach entlang des sogenannten Freedom Trails erkunden; einer Linie aus roten Backsteinen, die die historisch bedeutsamsten Plätze miteinander verbindet. Dazu erwarben wir für nur 3$ eine unglaublich sinnlose Karte mit sehr schlechten Texten und waren bester Dinge auf diese Art ganz viel zu lernen. Schon an der dritten Station unserer bis dahin trostlosen Wanderung erreichte die Stimmung ein, vorsichtig ausgedrückt, kritisches Level. Einen intensiven Dialog später verließen wir den malerischen Trail (wir hatten bis dahin zumindest das Massachusetts State House, zwei Friedhöfe und zwei Kirchen gesehen) und kürzten direkt zum Hafen ab. Unser Plan war ein Ticket für eine Tour mit einem sog. Duck-Boat zu lösen, einem Amphibienfahrzeug, dass 20 Minuten die Seeseite bzw. Fluss-Seite der Stadt erkundet und in 60 Minuten die wichtigsten Orte an Land anfährt und erklärt. Von einem netten Touristen-Guide wurden wir dann umgestimmt auf die Trolley-Tour umzusteigen, da man diese an zwei Tagen nutzen kann, man an zwölf Stationen ab- und zusteigen kann und zudem einen Gutschein für eine Hafenrundfahrt erhält – mehr „Value for the Money“ sozusagen. Für 39$ pro Person schlugen wir ein und enterten Augenblicke später unseren überdachten, aber mit offenen Fenstern versehenen „Bus“.

Diese Idee hat sich zurückblickend als sehr gut herausgestellt, da wir per Zufall einen ziemlich ungewöhnlichen Fahrer hatten. Anstatt wie alle anderen Guides ein beiges Einheitshemd zu tragen, spannte sich ein Football-Shirt mit seinem Namen quer über seinen breiten Nacken. Tickets wollte er nicht sehen („I don’t really care – I get payed no matter if you’re having a ticket“ / „Ist mir egal, ich werde sowieso bezahlt) und schon nach weniger als einem Kilometer hatte er uns erklärt, dass dies nur einer seiner vielen Jobs ist (primär baut er Requisiten für TV-Produktionen) und er den Trolley eher zum Spaß fährt. Das hat man ihm abgekauft, da er historische Informationen zu den Gebäuden sehr gelungen mit markigen Witzen und gelösten Anmerkungen verknüpfte. Die Gäste aus „proper England“ (also der Alten Welt) fand er besonders amüsant, da diese seiner Ansicht nach ja vor Jahren aus dem Land getrieben wurden und nun wie ein Party-Gast zurückkommen, der zuvor aus der Bar geschmissen wurde. Die Stimmung an Bord war wirklich gut, so dass wir von der Möglichkeit des Ausstiegs zunächst keinen Gebrauch machten und eine volle Runde (rund 60 Minuten) mitfuhren. Das war definitiv wesentlich besser als der Freedom-Trail, auch wenn man aus dem Trolley heraus natürlich nur bedingt Gelegenheit für Fotos und intensivere Erkundungen hat.

Wieder am Hafen angekommen begaben wir uns auf eine rund 3,5km lange Wanderung durch die Stadt, an deren Ende wir für eine Stärkung in ein Restaurant der Kette „The Cheesecake Factory“ einkehrten. Die Käsekuchen-Fabriken mögen wir spätestens seit Kalifornien sehr, auch wenn bei einem regulären Essen selten genug Appetit für das namensgebende Stück Kuchen übrig bleibt. Aus genau diesem Grund wollten wir dieses Mal (neben Getränken) nur Käsekuchen essen und – scheiterten erneut. Unsere gewählten Kreationen aus Käsekuchen, Oreo-Keksen, Choclat Chips und Schokosauce bzw. Käsekuchen, Zitrone und Meringue-Topping waren derart sättigend, dass es aussichtslos war diesen Genuss bis zur letzten Gabel auskosten zu können. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie man derart reichhaltige Teilchen als „Dessert“ nach einem Menü essen kann.

Auf dem Weg von der Cheesecake Factory zu unserem nächsten Stopp wurden wir dann bitter von der Trolley-Tour enttäuscht – über 30 Minuten kam schlicht und ergreifend kein Bus. Irgendwann begaben wir uns ziemlich frustriert wieder auf den Fußweg, um am Zielort angekommen nur fadenscheidige Ausreden präsentiert zu gekommen („habt ihr vielleicht am falschen Ort gewartet?“ .. alles klar). Danach versuchten wir unsere Tickets für die Hafentour einzulösen, was aber ebenfalls eine große Enttäuschung war. Zunächst wurde eine große Reisegruppe geschlossen vorgezogen, weil ein Mitglied im Rollstuhl saß und dann wurde uns erklärt, dass es heute nur ein Gate auf das Schiff geben würde. Von Platz ~30 auf der Warteliste rutschten wir damit ans Ende der regulären Warteschlange auf Platz 80 oder so und mit Hinblick auf die wenigen Plätzen auf dem Oberdeck drängte ich Dani verärgert dazu das Weite zu suchen. Wenn mir eins auf den Keks geht, dann veralbert zu werden.

Also setzten wir uns wieder in einen der Trolleys, lernten nun wie langweilig, starr und unmotiviert die Vollzeit-Fahrer das Standardprogramm abspulen und gelangten in den Navy Yard. In diesem liegt die USS Constitution, das älteste noch seetüchtige Kriegsschiff der Welt. Aktuell ist die Constitution zwar weder seetüchtig (sie liegt im Trockendock) noch kriegstauglich (alle Kanonen liegen demontiert an Land), aber man kann sie trotzdem besuchen (na zumindest zwei Decks von ihr) und auf diese Weise ein wenig Geschichte fühlen. Dabei muss man klar sagen, dass es schon sehr beeindruckend ist an Deck des 1797 gebauten und immerhin 62m langen Dreimasters zu stehen. Die Constitution diente übrigens als Vorlage für das französische Schiff „Acheron“ im Film Master & Commander – nur als Anmerkung für Freunde der Filmkunst 😉 Ansonsten kann man auf dem Vorzeige-Schiff der US Navy jedoch wenig unternehmen, so dass wir uns recht bald dem zugehörigen Museum zuwandten.

Dieses war eine sehr große Überraschung im positiven Sinn. Zunächst kann man mehrere interaktive Stationen durchlaufen, um sich auf das Leben als Seefahrer vorzubereiten – Kommunikation per Morsecode, Schiffsbau, Navigation usw. Danach durchläuft man eine Reise auf der Constitution von der Ausbildung als Kadett, über den Alltag an Bord bis zu den Erlebnissen nach der Rückkehr. So kriegt man einen sehr lebendigen und detaillierten Einblick in das Leben und Sterben der damaligen Zeit – inkl. Aspekten wie Bezahlung, Kleidung, dem Tagesablauf an Bord, den verschiedenen Rollen auf einem Schiff und dem Schicksal ausgewählter Crewmitglieder nach ihrer Heimkehr (teilweise sehr bewegend). Sehr beeindruckend fand ich auch die interaktive Segelstation, an der man auf einem Mast (mit den Füßen 30cm über dem Boden) rumklettern und ein Segel reffen sollte. Das klingt zunächst nach Spaß, aber es ist sehr bemerkenswert, wie wacklig das gesamte Konstrukt ist, wie viel Körperspannung man benötigt und wie viel Koordination bzw. Geschick gefragt sind. Stellt man sich diese Aufgabe nun in 30m Höhe und bei Wellengang, Sturm und Regen vor, wächst der Respekt vor den mutigen Seglern nochmals deutlich.

Nach dem Constitution Museum nutzten wir erneut den Trolley, um zu unserem Ausgangspunkt Boston Commons zurückzukehren. Immer noch hochmotiviert (was auch sonst..) gingen wir direkt an der Tiefgarage vorbei, blendeten die schreckliche Musik und die vielen „besonderen“ Menschen aus und begaben uns auf eine Erkundungstour durch Beacon Hill – einem historischen Stadtteil Bostons. Ich persönlich (aber ich bin ja kein Experte und definitiv ist an mir auch kein Kunstkenner verloren gegangen – es ist ja manchmal auch durchaus wichtig zu wissen, was man nicht kann) fand Beacon Hill wie eine Mischung aus San Francisco und Brooklyn. Es gibt eine Straße für die besonders reichen Bewohner und diese zu sehen, hätten manche als ausreichend empfinden können. Andere haben jedoch Fotos einer besonders romantischen, malerischen Straße im Internet gesehen, die wir tapfer erkunden wollten. Also spazierten (hetzten?) wir durch Beacon Hill und irgendwie sah eine Straße für mich wie die andere aus. Im Moment aufkommender Verzweiflung wandten wir uns gar an lokale Experten, die uns nach einiger Erklärung den Weg zur von uns gesuchten Straße wiesen. Sollten hier jemals die Fotos zu sehen sein und sollte irgendjemand eben jenen ikonischen Ort ebenfalls besuchen wollen: einfach zur Acorn Street gehen und den Rest von Beacon Hill sagen wir einfach „nur streifen“, dann wird alles gut.

So verließen wir Boston nach einem langen Tag mit mehr als 17 zu Fuß zurückgelegten Kilometern und ohne Hafenrundfahrt. Auch weitere Museen und historische Highlights konnten wir in der knappen Zeit nicht angemessen würdigen, aber so ist das halt, wenn man auf der Durchreise ist. Insgesamt war der Tag in Boston gefühlt ein 3/4 Tag in New York und unterm Strich „ganz nett“. Irgendwie hat mich die Stadt aber nicht so erreicht, dass ich sagen würde es war ein „Highlight“ und die weite Reise nebst der damit verbundenen Kosten war es uneingeschränkt wert. Aber vielleicht hat Kalifornien 2015 meine Ansprüche an einen unvergesslichen Urlaubstag auch einfach nachhaltig auf ein sehr anspruchsvolles Level gehoben (hatte ich schon erwähnt, dass die Planungen für Kalifornien 2017 bereits begonnen haben?).

Morgen soll es (wieder mal) regnen, so dass wir vermutlich einen relativen großen Teil unserer Zeit in Shopping-Malls verbringen werden. Spätestens gegen Abend sollten wir jedoch in Cape Cod ankommen, wo wir die letzten drei Nächte an der Ostküste verbringen werden. Wie immer werde ich versuchen zu berichten – so die Zeit und das WLAN mitspielen.

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