New England States Tag 12: Boston

Nach den eher beschaulichen Tagen in den Hamptons, Mystic und Newport bzw. Plymouth wurde es heuter wieder etwas turbulenter, denn eine intensive Stadtbesichtigung des historisch bedeutsamen Bostons stand auf unserem Programm. Glücklicherweise sind wir am Wochenende hier, so dass zumindest die Fahrt in die Stadt und die Parkplatzsuche dort relativ problemlos verläuft – vor einer derartigen Unternehmung unter der Woche hat uns bisher jeder Ortsansässige spätestens im dritten Satz gewarnt.

Unser Plan sah vor recht zentral bei den Boston Commons – dem ältesten Park der Vereinigten Staaten – zu parken  (18$ pro Tag – das ist nahezu rekordverdächtig günstig) und von dort aus die Stadt zu erkunden. Das hat grundsätzlich auch gut funktioniert, mit der Einschränkung, dass an diesem Wochenende ein Festival namens „Boston Freedom Rally“ stattfand. Ich verzichte jetzt mal darauf Rechercheergebnisse von der Veranstalter-Website wiederzugeben und beschränke mich einfach auf unsere ganz individuellen Erfahrungen und Eindrücke. Basierend auf diesen würde ich das Happening wahlweise als „Hippi-Fest“ oder „Convention für Freunde der Marijuana-Pflanze“ bezeichnen. Dies bedeutet, dass überall Müll rumlag, an jeder Eck Bongs und anderes „Equipment“ verkauft wurde, die Straßen mit Trucks gepflastert waren, die vielseitige Aufschriften wie „Yes! We deliver Weed to your home. Selling per pound“ (Ja, wir liefern dir Gras nach Haus – Verkauf pfundweise). Das eine solche Veranstaltung natürlich ein gewisses Klientel (in großen Massen) anlockt, ergibt sich von selbst. Über die verstörende Musik schreibe ich einfach nichts. Über den intensiven Geruch unserer Kleidung nach diesem Tag auch nicht – nur so viel, auf dem Weg zurück in unsere Unterkunft fuhren wir die ersten 3 Kilometer mit offenen Fenstern, um etwas auszulüften (man will ja keinen falschen Eindruck bei den Airbnb-Hosts hinterlassen).

Nachdem ich nun also dieses zentrale Element unseres Tages ausgiebig geschildert habe (wir mussten es im Rahmen unserer Stadt-Erkundung mehrfach durchqueren), kann ich ja damit beginnen unsere sonstigen Eindrücke der ausgiebigen Boston-Erkundung zu schildern. Anfangs waren wir der naiven Ansicht, wir könnten die Stadt und ihre wichtigsten Plätze einfach entlang des sogenannten Freedom Trails erkunden; einer Linie aus roten Backsteinen, die die historisch bedeutsamsten Plätze miteinander verbindet. Dazu erwarben wir für nur 3$ eine unglaublich sinnlose Karte mit sehr schlechten Texten und waren bester Dinge auf diese Art ganz viel zu lernen. Schon an der dritten Station unserer bis dahin trostlosen Wanderung erreichte die Stimmung ein, vorsichtig ausgedrückt, kritisches Level. Einen intensiven Dialog später verließen wir den malerischen Trail (wir hatten bis dahin zumindest das Massachusetts State House, zwei Friedhöfe und zwei Kirchen gesehen) und kürzten direkt zum Hafen ab. Unser Plan war ein Ticket für eine Tour mit einem sog. Duck-Boat zu lösen, einem Amphibienfahrzeug, dass 20 Minuten die Seeseite bzw. Fluss-Seite der Stadt erkundet und in 60 Minuten die wichtigsten Orte an Land anfährt und erklärt. Von einem netten Touristen-Guide wurden wir dann umgestimmt auf die Trolley-Tour umzusteigen, da man diese an zwei Tagen nutzen kann, man an zwölf Stationen ab- und zusteigen kann und zudem einen Gutschein für eine Hafenrundfahrt erhält – mehr „Value for the Money“ sozusagen. Für 39$ pro Person schlugen wir ein und enterten Augenblicke später unseren überdachten, aber mit offenen Fenstern versehenen „Bus“.

Diese Idee hat sich zurückblickend als sehr gut herausgestellt, da wir per Zufall einen ziemlich ungewöhnlichen Fahrer hatten. Anstatt wie alle anderen Guides ein beiges Einheitshemd zu tragen, spannte sich ein Football-Shirt mit seinem Namen quer über seinen breiten Nacken. Tickets wollte er nicht sehen („I don’t really care – I get payed no matter if you’re having a ticket“ / „Ist mir egal, ich werde sowieso bezahlt) und schon nach weniger als einem Kilometer hatte er uns erklärt, dass dies nur einer seiner vielen Jobs ist (primär baut er Requisiten für TV-Produktionen) und er den Trolley eher zum Spaß fährt. Das hat man ihm abgekauft, da er historische Informationen zu den Gebäuden sehr gelungen mit markigen Witzen und gelösten Anmerkungen verknüpfte. Die Gäste aus „proper England“ (also der Alten Welt) fand er besonders amüsant, da diese seiner Ansicht nach ja vor Jahren aus dem Land getrieben wurden und nun wie ein Party-Gast zurückkommen, der zuvor aus der Bar geschmissen wurde. Die Stimmung an Bord war wirklich gut, so dass wir von der Möglichkeit des Ausstiegs zunächst keinen Gebrauch machten und eine volle Runde (rund 60 Minuten) mitfuhren. Das war definitiv wesentlich besser als der Freedom-Trail, auch wenn man aus dem Trolley heraus natürlich nur bedingt Gelegenheit für Fotos und intensivere Erkundungen hat.

Wieder am Hafen angekommen begaben wir uns auf eine rund 3,5km lange Wanderung durch die Stadt, an deren Ende wir für eine Stärkung in ein Restaurant der Kette „The Cheesecake Factory“ einkehrten. Die Käsekuchen-Fabriken mögen wir spätestens seit Kalifornien sehr, auch wenn bei einem regulären Essen selten genug Appetit für das namensgebende Stück Kuchen übrig bleibt. Aus genau diesem Grund wollten wir dieses Mal (neben Getränken) nur Käsekuchen essen und – scheiterten erneut. Unsere gewählten Kreationen aus Käsekuchen, Oreo-Keksen, Choclat Chips und Schokosauce bzw. Käsekuchen, Zitrone und Meringue-Topping waren derart sättigend, dass es aussichtslos war diesen Genuss bis zur letzten Gabel auskosten zu können. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, wie man derart reichhaltige Teilchen als „Dessert“ nach einem Menü essen kann.

Auf dem Weg von der Cheesecake Factory zu unserem nächsten Stopp wurden wir dann bitter von der Trolley-Tour enttäuscht – über 30 Minuten kam schlicht und ergreifend kein Bus. Irgendwann begaben wir uns ziemlich frustriert wieder auf den Fußweg, um am Zielort angekommen nur fadenscheidige Ausreden präsentiert zu gekommen („habt ihr vielleicht am falschen Ort gewartet?“ .. alles klar). Danach versuchten wir unsere Tickets für die Hafentour einzulösen, was aber ebenfalls eine große Enttäuschung war. Zunächst wurde eine große Reisegruppe geschlossen vorgezogen, weil ein Mitglied im Rollstuhl saß und dann wurde uns erklärt, dass es heute nur ein Gate auf das Schiff geben würde. Von Platz ~30 auf der Warteliste rutschten wir damit ans Ende der regulären Warteschlange auf Platz 80 oder so und mit Hinblick auf die wenigen Plätzen auf dem Oberdeck drängte ich Dani verärgert dazu das Weite zu suchen. Wenn mir eins auf den Keks geht, dann veralbert zu werden.

Also setzten wir uns wieder in einen der Trolleys, lernten nun wie langweilig, starr und unmotiviert die Vollzeit-Fahrer das Standardprogramm abspulen und gelangten in den Navy Yard. In diesem liegt die USS Constitution, das älteste noch seetüchtige Kriegsschiff der Welt. Aktuell ist die Constitution zwar weder seetüchtig (sie liegt im Trockendock) noch kriegstauglich (alle Kanonen liegen demontiert an Land), aber man kann sie trotzdem besuchen (na zumindest zwei Decks von ihr) und auf diese Weise ein wenig Geschichte fühlen. Dabei muss man klar sagen, dass es schon sehr beeindruckend ist an Deck des 1797 gebauten und immerhin 62m langen Dreimasters zu stehen. Die Constitution diente übrigens als Vorlage für das französische Schiff „Acheron“ im Film Master & Commander – nur als Anmerkung für Freunde der Filmkunst 😉 Ansonsten kann man auf dem Vorzeige-Schiff der US Navy jedoch wenig unternehmen, so dass wir uns recht bald dem zugehörigen Museum zuwandten.

Dieses war eine sehr große Überraschung im positiven Sinn. Zunächst kann man mehrere interaktive Stationen durchlaufen, um sich auf das Leben als Seefahrer vorzubereiten – Kommunikation per Morsecode, Schiffsbau, Navigation usw. Danach durchläuft man eine Reise auf der Constitution von der Ausbildung als Kadett, über den Alltag an Bord bis zu den Erlebnissen nach der Rückkehr. So kriegt man einen sehr lebendigen und detaillierten Einblick in das Leben und Sterben der damaligen Zeit – inkl. Aspekten wie Bezahlung, Kleidung, dem Tagesablauf an Bord, den verschiedenen Rollen auf einem Schiff und dem Schicksal ausgewählter Crewmitglieder nach ihrer Heimkehr (teilweise sehr bewegend). Sehr beeindruckend fand ich auch die interaktive Segelstation, an der man auf einem Mast (mit den Füßen 30cm über dem Boden) rumklettern und ein Segel reffen sollte. Das klingt zunächst nach Spaß, aber es ist sehr bemerkenswert, wie wacklig das gesamte Konstrukt ist, wie viel Körperspannung man benötigt und wie viel Koordination bzw. Geschick gefragt sind. Stellt man sich diese Aufgabe nun in 30m Höhe und bei Wellengang, Sturm und Regen vor, wächst der Respekt vor den mutigen Seglern nochmals deutlich.

Nach dem Constitution Museum nutzten wir erneut den Trolley, um zu unserem Ausgangspunkt Boston Commons zurückzukehren. Immer noch hochmotiviert (was auch sonst..) gingen wir direkt an der Tiefgarage vorbei, blendeten die schreckliche Musik und die vielen „besonderen“ Menschen aus und begaben uns auf eine Erkundungstour durch Beacon Hill – einem historischen Stadtteil Bostons. Ich persönlich (aber ich bin ja kein Experte und definitiv ist an mir auch kein Kunstkenner verloren gegangen – es ist ja manchmal auch durchaus wichtig zu wissen, was man nicht kann) fand Beacon Hill wie eine Mischung aus San Francisco und Brooklyn. Es gibt eine Straße für die besonders reichen Bewohner und diese zu sehen, hätten manche als ausreichend empfinden können. Andere haben jedoch Fotos einer besonders romantischen, malerischen Straße im Internet gesehen, die wir tapfer erkunden wollten. Also spazierten (hetzten?) wir durch Beacon Hill und irgendwie sah eine Straße für mich wie die andere aus. Im Moment aufkommender Verzweiflung wandten wir uns gar an lokale Experten, die uns nach einiger Erklärung den Weg zur von uns gesuchten Straße wiesen. Sollten hier jemals die Fotos zu sehen sein und sollte irgendjemand eben jenen ikonischen Ort ebenfalls besuchen wollen: einfach zur Acorn Street gehen und den Rest von Beacon Hill sagen wir einfach „nur streifen“, dann wird alles gut.

So verließen wir Boston nach einem langen Tag mit mehr als 17 zu Fuß zurückgelegten Kilometern und ohne Hafenrundfahrt. Auch weitere Museen und historische Highlights konnten wir in der knappen Zeit nicht angemessen würdigen, aber so ist das halt, wenn man auf der Durchreise ist. Insgesamt war der Tag in Boston gefühlt ein 3/4 Tag in New York und unterm Strich „ganz nett“. Irgendwie hat mich die Stadt aber nicht so erreicht, dass ich sagen würde es war ein „Highlight“ und die weite Reise nebst der damit verbundenen Kosten war es uneingeschränkt wert. Aber vielleicht hat Kalifornien 2015 meine Ansprüche an einen unvergesslichen Urlaubstag auch einfach nachhaltig auf ein sehr anspruchsvolles Level gehoben (hatte ich schon erwähnt, dass die Planungen für Kalifornien 2017 bereits begonnen haben?).

Morgen soll es (wieder mal) regnen, so dass wir vermutlich einen relativen großen Teil unserer Zeit in Shopping-Malls verbringen werden. Spätestens gegen Abend sollten wir jedoch in Cape Cod ankommen, wo wir die letzten drei Nächte an der Ostküste verbringen werden. Wie immer werde ich versuchen zu berichten – so die Zeit und das WLAN mitspielen.

New England States Tag 11: Zeitreise in die Gründerzeit

Eine Warnung vorab: Auch bei diesem Beitrag aus unserer „New England States“-Serie bin ich mir nicht sicher, ob es mir gelingen wird, die Eindrücke korrekt zu beschreiben. Außerdem stehe ich unter dem starken Einfluss einer wirklich tollen Unterkunft, die mir nach ziemlich vielen Nächten in „akzeptablen“ Zimmern endlich mal wieder das Gefühl gibt zu Hause zu sein (oder wie unsere amerikanischen Freunde sagen würden: a home far away from home).

Dabei begann unser Tag eher enttäuschend und ich habe mir im Vorfeld vorgenommen das auch in aller Ehrlichkeit so zu beschreiben. „Eigentlich“ hatten wir geplant mindestens die Hälfte des Tages in Newport (Rhode Island) zu verbringen – einer malerischen Stadt, die für ihre überdimensionalen Prunkbauten (die Mansions) und ihren sehr großen Hafenbereich bekannt ist. Ich sage bewusst Hafenbereich, da die Infrastrukturen am Wasser an der Neu England-Küste nicht unserem klassischen europäischen Bild eines Hafens mit mehreren Stegen und einer steinernen Einfassung entsprechen. Viel mehr handelt es sich um eine Art zum Ufer hin zunehmend flache Bucht, in der die meisten Boote vor Anker liegen und in der es meist mehrere, verteilte Kais für kleinere Shuttle-Boote und einige wenige große Yachten gibt.

Außerdem wollten wir gern eine drei stündige Bootstour auf einer America’s Cup Yacht unternehmen – nach den diversen, eher ruhigen Hafenrundfahrten in den letzten Jahren hatten wir mal Lust auf etwas authentische Segelaction auf einem richtigen Sportboot. Dieser Plan wurde frühzeitig und nachhaltig zunichte gemacht, da während unseres Besuchs am Atlantik kein noch so kleines Lüftchen ging – ziemlich untypisch und für unser Vorhaben mindestens „unglücklich“ (das ist die politisch angesagte Formulierung für „ganz schön sch..lecht“). Ein kurzes Gespräch mit der Dame am Ticketschalter bekräftigte unsere Befürchtungen überraschend, stellte sie eine im besten Fall leichte Segeltour („a light sail“) in Aussicht. Gefahren wird natürlich dennoch, denn die 36 – 70$ (je nach Tour) kann man ja notfalls auch im Schneckentempo einsammeln. Wir entschieden uns dagegen und gingen sofort zum zweiten Agendapunkt des Tages über: der Hafenbesichtigung. Beim Versuch den Booten näher zukommen, realisierten wir endlich auch, warum die Unterkünfte in der Region aktuell so rar und teuer sind: es war bzw. ist „Newport International Boat Show“. Jetzt kommt der wirklich frustrierende Teil: Was die Organisatoren dieser Show – offensichtlich in Absprache mit der Stadt – gemacht haben, ist schlicht eine nahezu vollständige Sperrung aller Stege und aller Bereiche des Hafens. Außer in ganz wenigen Arealen stehen überall Zäune und Tore, die man ohne Eintrittskarte zur Show nicht passieren darf. So bekam man binnen Minuten den Eindruck in einem Gefängnis und nicht einem beliebten Städtchen am Meer zu sein. Falls sich jemand fragt, warum wir nicht einfach den Eintritt bezahlt haben: Wir hatten einfach keine Lust 20$ pro Person zu zahlen, um danach gemeinsam mit mehreren hundert „wenig trainierten“ (sprich restlos übergewichtigen) Amerikanern im Zeitlupentempo über die kleinen Kais zu schlendern. Dass man dazu eine mindestens 60 Personen lange Schlange am Eingang hätte überwinden müssen, war übrigens auch nicht förderlich.

So verließen wir den Hafen recht schnell und fuhren zu den Mansions. Wie eingangs erwähnt, handelt es sich dabei um eine Sammlung von gigantischen Anwesen, die teilweise auf Augenhöhe mit den Hamptons, teilweise nochmals darüber liegen. Dafür sind sie natürlich wesentlich älter und – hier kommt der wichtigste Unterschied – sie sind für den Publikumsverkehr geöffnet. Dies bedeutet, dass man zwischen 15 und 25 Dollar pro Person pro Anwesen bezahlt, damit man das jeweilige Grundstück besichtigen und ein paar Räume des Hauses betreten darf. Das ist alles ganz okay, aber das Preis-/Leistungsverhältnis ist insbesondere für Menschen, die mit „historischen“ Gebäuden vertraut sind, fast schon befremdlich. Man stelle sich einen US-Amerikaner vor, der einen ausgedehnten Spaziergang z.B. durch Stuttgart (inkl. Villa Berg) unternimmt. Er dürfte sich nach einem halben Tag euphorisiert in einem „German Beergarden“ betrinken, da er so viele unglaublich alte Gebäude in einem derart tollen Zustand gesehen und dafür nicht einen Dollar (noch nicht einmal „Suggested Donation“, also empfohlene Spende) gezahlt hat. In Newport hingegen hat man sogar die gigantisch hohen Zäune nachträglich mit historisch nur bedingt authentischem Sichtschutz (grünem Stoff) nachgerüstet – irgendwo gibt es meiner Meinung nach eine Grenze. Dafür ist der Cliffwalk ganz in der Nähe recht nett, er bietet jedoch nur sehr wenige Ausstiegspunkte um zum Parkplatz zurückzukommen („next exit 2 Miles“).

Fassen wir zusammen: Bootsfahrt ausgefallen, Hafen quasi gesperrt, Mansions unverschämt abgeriegelt und teuer (okay, das wussten wir vorher) – die Stimmung war vorsichtig formuliert nicht ideal. Dann kam die rettende Idee: Ich sagte „Lass uns nach Boston fahren“ und Dani entgegnete „Was hältst du von der Plimoth Plantation – die wollten wir eh machen und wir müssten es heute noch schaffen.“. Die Idee fand ich sofort überzeugend und so kamen wir ca. 1h später in Plymouth an. Keine 26 Dollar pro Person später waren wir mittendrin in der Zeitreise in die Gründerzeit. Vielleicht erkläre ich im Vorfeld zunächst kurz den thematischen Hintergrund des kulturellen Highlights: es handelt sich um ein lebendes Museum, dass die Besiedlung Nordamerikas im Jahr 1624 (und zwar exakt in diesem Jahr) zeigt. Dies bedeutet es gibt die Gebäude , die Werkzeuge und die Lebensweise aus dieser Zeit zu sehen – verkörpert und erklärt von Menschen, die so tun, als ob sie in dieser Epoche leben. Und genau hier liegt der Mehrwert: die sehr talentierten Schauspieler der Plantation bringen einem Geschichte auf eine sehr interaktive und eingängige Weise näher – dazu gleich mehr.

Zu Beginn der Wanderung durch die Geschichte trifft man zunächst auf vier Vertreter eines Stamms nativer Einwohner („Natives“, wir würden umgangssprachlich Indianer sagen). Diese leben – konträr zu den Siedlern – keine bestimmte Rolle, sondern sind im Prinzip Botschafter ihrer Kultur. Dies tun sie, in dem sie in authentischer Kleidung verschiedene Tätigkeiten in einem kleinen, traditionellen Dorf ausführen und dabei für Gespräche mit den Besuchern zur Verfügung stehen. Wir hatten beispielsweise einen sehr interessanten, ca. 30 Minuten langen Dialog mit einem Stammeskrieger (43, macht den Job seit 26 Jahren), der uns zunächst intensiv über unsere Hintergründe ausgefragt hat, bevor er uns spannende Details zu seiner Kultur und dem Dorfleben erklärt hat – z.B. das derzeit eine weitere Hütte auf traditionelle Art gebaut wird, wobei jeder Schritt öffentlich vor dem täglichen Publikum erfolgt. Da die Natives jedoch „keine Rolle spielen“ (im Sinne von „sie schauspielern nicht“), kann man sich mit ihnen auch ganz regulär über moderne kulturelle und andere Aspekte austauschen.

Dies funktioniert ca. 300m später definitiv nicht mehr: Nach einem gewundenen Weg betritt man durch eine Art Torhaus eine kleine Siedlung, die in Aufbau und Aussehen wie gesagt dem Stand aus 1624 entsprechen soll. Optisch ist das eigentlich zunächst gar nicht so spektakulär: ins Auge fallen eine Hauptstraße, zwei bis drei Nebenstraßen, ca. 10 Hütten und ein paar Tiere (Kühe!). Wirklich spannend wird es, sobald man sich den Einwohnern des kleinen Dorfs nähert: sie gehen meist ihrer alltäglichen Arbeit nach und sind in der Regel für Fragen der Besucher offen. Man kann sie jedoch auch mehr oder weniger ignorieren und sich einfach in den Hütten umschauen, wobei diese derart authentisch und belebt wirken, dass man sich fühlt, als ob man in das Haus eines Fremden eingebrochen ist. Dies allein klingt banal, ist aber schon mal eine ziemlich interessante Erfahrung. Je mehr Zeit man sich für die Gespräche mit den Siedlern nimmt, desto faszinierender wird der Besuch in Plimoth. Man muss einfach die Vorstellung zulassen, dass man sich im Jahr 1624 befindet, die in dieser Siedlung lebenden Pioniere mit der Mayflower über den Pazifik kamen und nun versuchen hier eine Zukunft aufzubauen. Wenn man diese mentale Hürde überwunden hat, stellen sich unzählige Fragen, die man schon immer mal los werden wollte. Wie war die Überfahrt? Wie viele Menschen haben überlebt? Habt ihr Angst vor den Eingeborenen? Plant ihr hierzubleiben? Was machst du hier eigentlich für einen Job? Verdienst du mit deiner Arbeit Geld? Bist du glücklich? Der geneigte Leser möge sich einfach mal in die Situation versetzen – dann wird sicherlich schnell klar, was die Faszination dieses Orts ausmacht. Auf all diese Fragen kriegt man nämlich Antworten – allerdings in einer sehr launigen, unterhaltsamen und individuellen Art. Man hat niemals das Gefühl, dass die „Siedler“ (Schauspieler) nur ihr Textbuch abspielen und immer wieder die gleichen Sätze emotionslos abspielen. Auch gibt es keine peinlichen Dialoge in der Form „Oh, was haben diese komischen Leute denn da drüben  .. es sieht aus wie ein Fernglas, aber sie drücken darauf rum“). Nein, zu meiner großen und positiven Überraschung ergeben sich sehr spannende Dialoge über das Leben in der damaligen Zeit, die das „Mindset“ (also die Lebenseinstellung) der aus England stammenden Pioniere eindrucksvoll transportieren. Hier einige Beispiele:

  • Frage an einen Siedler, ob er glücklich mit seiner Wahl ist übergesiedelt zu sein („Are you happy with your choice?“. Antwort: „Well I would not describe it to that positive extend“ / Soweit würde ich nun nicht gehen
  • Suggestionsfrage: „So I guess there’s a great future waiting for you?“ (Gehe ich recht in der Annahme, dass also eine tolle Zukunft auf dich wartet?). Antwort: „A future full of possibilities“ / eine Zukunft voller Möglichkeiten
  • Totale doofe Frage: What are you doing here? / Was machst du hier überhaupt? Antwort: I’m sitting here on a bench in the shade / Ich sitze hier im Schatten auf einer Bank
  • Frage: Why did you leave England / warum bist du überhaupt aus England weggegangen? Antwort: Because my father expected that I mary the fat, ugly daughter of the tailor. She stinks and has no teeth / Weil mein Vater erwartet hat, dass ich die dicke, hässliche Tochter des Schneiders heirate – sie sie stinkt und hat keine Zähne
  • Frage: What’s your job over here? / Was ist dein Beruf hier? Antwort: I’m a farmer. We are all farmers. / Ich bin ein Farmer, wir sind alle Farmer.
  • Frage: Aren’t you afraid someone could come and take your land? / Hast du keine Angst, dass jemand kommen und dein Land wegnehmen könnte? Antwort: No, that’s against the law and we Englanders obey the law / Nein, dass wäre gegen das Gesetz und wir Engländer halten uns an das Gesetz.

Mit Hilfe dieser und vieler weiterer Fragen (wir haben über 4h in der Siedlung verbracht und dabei allein mit drei Schauspielern jeweils knapp 1h erzählt) lernt man wirklich viele Hintergrundinformationen und Details über die Gründerzeit – Dinge, die man so nie erwartet hätte und die aus aktueller Sicht geradezu absehbar waren. So wurde beispielsweise das Risiko von blutigen Auseinandersetzungen mit den Eingeborenen („Sie sind gute Freunde, wir handeln mit ihnen) ebenso negiert wie das Risiko von Konflikten mit anderen Nationen („Die Spanier sind 3000 Meilen im Süden und interessieren sich nur für Gold, die Franzosen sind 2000 Meilen im Norden – kein Problem)“. Auch etwaige Bedrohungen durch Piraten hat der erste Vertreter des lokalen Gouverneurs nicht gesehen – die kämpfen nämlich nur im Kanal nahe England und nicht an der amerikanischen Küste. Im Zweifelsfall ist alles Gottes Wille – hier wird der puritanische Geist sehr glaubhaft transportiert.

Außerdem lernten wir extrem interessante Hintergründe zu den wirtschaftlichen Interessen der Siedlung und den Zielen der einzelnen Pioniere („Wenn ich hier sieben Jahre arbeite, erhalte ich 350 Acres Land, das kann ich dann wiederum anderen Siedlern verpachten)“. Extrem bemerkenswert fand ich das nahe Verhältnis zu England. So war die Siedlung niemals als authentische Einheit gedacht, sondern basierte von Anfang an auf der regelmäßigen Lieferung von Gütern aus der Alten Welt (z.B. Schießpulver, Nutztiere, Kleidung, Nägel usw) und im Gegenzug der Rücksendung wirtschaftlich interessanter Güter an die Finanziers der Siedlung. Dies entspricht so gar nicht meiner Vorstellung von der Gründerzeit („Ihr seid der Brückenkopf, ihr müsst so schnell wie möglich lernen autark zu leben), was sich auch in der vergleichsweise regelmäßigen Schiffsverbindung zwischen beiden Kontingenten fortsetzt. Eine Reise von und nach England wurde als durchaus valide Option angesehen – sie dauerte zwar drei Monate, war aber keinesfalls undenkbar. Ich könnte so vermutlich noch ganz viele Details aus unseren Gesprächen wiedergeben, aber das sprengt sicherlich den Rahmen des Beitrags. Ich möchte daher mit der Zusammenfassung schließen, dass ein Besuch in der Plimoth Plantation eine ganz tolle Erfahrung ist, die aber nur funktioniert, wenn man sich auf das lebende Museum einlässt, bereit ist mit den Siedlern zu reden (es gibt so gut wie keine Hinweisschilder), nicht viel los ist und man zumindest ein Grundinteresse an Geschichte hat. Rückblickend betrachtet hätte ich mich gern noch intensiver mit den historischen Zusammenhängen beschäftigt, um noch interessantere Fragen zu stellen – ein weiterer Punkt für die „beim nächsten Mal“-Liste.

Wie man sicherlich merkt, bin ich immer noch ganz fasziniert vom Tag. Hinblickend auf den bereits sehr stattlichen Umfang dieses Beitrags sehe ich mich leider gezwungen weitere Details zu unserem Spaziergang zum Strand in Plymouth und unsere Unterbringung des Tages signifikant zu verkürzen bzw. diese auszulassen.

Um nun aber nach dem traurigen Start in Newport und der fantastischen Fortsetzung in Plymouth mit einer weiteren tollen Sache zu schließen, möchte ich noch kurz von unserer Unterbringung für die nächsten zwei Nächte berichten. Wir haben – mal wieder – eine Unterkunft über Airbnb gebucht, die unsere Erwartungen jedoch deutlich übertroffen hat. Dies hängt sicherlich auch damit zusammen, dass wir erst die dritten Mieter des neu gebauten Apartments sind, die Ausstattung mehr als komplett ist, wir eine sehr schöne und fast schon freundschaftliche Unterhaltung mit unserer Vermieterin hatten und bei der Ankunft zudem ein voller Kühlschrank gewartet hat. Wer den Gegenwert von kalten Getränken, frischem Brot und zwei großen Schalem frischem Obst in Amerika kennt (ich tippe in Summe auf ca. 50 Dollar) und zudem mit den Preisstrukturen  der hiesigen Unterbringungen vertraut ist, wird vom Preis-/Leistungsverhältnis umso faszinierter sein. Wie auch schon in Kalifornien zuvor hat uns Airbnb die bisher besten Unterkünfte des gesamten Urlaubs beschert. Morgen wartet dann Boston auf uns – ich bin gespannt.