New England States Tag 9: die Hamptons

Eigentlich ist es ganz leicht unseren heutigen Tag an der Ostküste zusammenzufassen: Erst flüchteten wir aus New York, dann verliebten wir uns gleich auf ersten Blick in die Hamptons – doch der Reihe nach.

Nach nunmehr drei Nächten in Brookyln – die bedingt durch die körperlichen Anstrengungen tagsüber allesamt sehr erholsam waren – wurde es endlich wieder Zeit für einen Standortwechsel. Ernsthaft, ich habe mich selten so sehr darauf gefreut einen Ort zu verlassen, wie am Ende unserer Zwischenstation im Big Apple. Die Stadt wie – wie in den letzten zwei Beiträgen schon beschrieben – sicherlich extrem interessant und unglaublich facettenreich, aber als Teil einer Rundreise mit einem Mietwagen doch sehr zeitintensiv. So waren wir ziemlich gut gelaunt und neugierig auf den Rest des Tages, als wir unser Hab und Gut um 07:30 Uhr fertig im Mietwagen verstaut hatten.

Schon auf den ersten Metern entdeckte ich meine tiefe Abneigung gegenüber dem New Yorker Verkehr sofort wieder. Stuttgart, Frankfurt, Berlin, ja sogar Los Angeles – überall fährt er sich basierend auf unseren Erfahrungen wesentlich angenehmer als in NYC. Eine Spur ist durch einen Lieferwagen blockiert, du blinkst und denkst der Schulbus auf der Spur links hinter dir lässt dich rein? Quatsch – er gibt Gas, und fährt die Lücke zu. Da musst du schon sehen wo du bleibst, Schwächling. Ganz im Ernst, solche Situationen passieren im New Yorker Verkehr ständig und sie gehen einem einfach extrem auf den Keks. Der Verkehrsfluss wird durch dieses Verhalten scheinbar nicht eben optimiert, denn unsere Fahrt in Richtung Osten zog sich ewig – für 120km haben wir insgesamt fast 2,5h benötigt. Dabei ist anzumerken, dass es rund um New York kaum Hover-Lanes für Fahrzeuge mit mindestens zwei Insassen gibt – hier ist sogar LA wesentlich besser aufgestellt.

Irgendwann fuhren wir endlich von der Interstate ab und nach einigen Kilometern auf einem Highway erreichten wir gegen 10:30 Uhr endlich die Dune Road in Westhampton. Auf dieser recht malerischen Strecke kann man rund 15km fast direkt am Stand entlangfahren und bekommt ein erstes Gefühl für das Luxusende Long Islands im Osten des Bundesstaates. Die Häuser sind hier bereits ausnahmslos recht gepflegt und residieren meist auf stattlichen Grundstücken. Auch der Strand – wir legten eine kleine Pause für einen Spaziergang ein – ist breit, weich und sehr wenig frequentiert. Über den weiteren Verlauf der Dune Road und eine kleine Brücke gelangten wir schließlich direkt nach Southhampton. Southhampton ist so etwas wie das Kampen auf Sylt der Hamptons – das Epizentrum des Wohlstands. Man hat das Gefühl, dass hier kein Grashalm gegen die Regeln wächst, niemand auf nur eine Meile pro Stunde zu schnell fährt, niemand raucht und auch absolut niemand die Frechheit besitzt seinen Müll während der Fahrt aus dem Fenster zu werfen. Okay, dafür kann man beim Tanken schon Mal 2,65$ pro Gallone zahlen (normal sind derzeit zwischen 2,07 und 2,20$ .. wobei 2,17$ nur wenige Kilometer weiter östlich aufgerufen wurden). Dafür steht man dann an der Zapfsäule, die sonst wahrscheinlich nur von italienischen Luxusfahrzeugen frequentiert wird. Den Gipfel der Manifestation von Wohlstand in Beton, Glas und Holz kann man dann in der Meadow Lane – eine lange Straße auf einer vorgelagerten Halbinsel – bewundern. Die Straße wird umgangssprachlich auch „Billionares Lane“ – also Straße der Milliadäre – genannt, und diesen Namen trägt sie zurecht. Die Grundstücke sind hier zum größten Teil extrem groß und die Häuser allesamt  superlativ, einzig der Baustil unterscheidet sich von Objekt zu Objekt. Das unmittelbar an der Straße ein Heliport liegt, ist sicher kein Zufall 😉

Spannend ist auch die Tatsache, dass in Southhampton – ebenso wie eigentlich überall in den Hamptons – das Parken auf’s Strengste reglementiert wird. „No parking“-Schilder stehen quasi allerorten und wurden scheinbar in Stückgrößen >10.000 erworben. Ab und an trifft man auf scheinbar großzügige Außenparkplätze, die jedoch mit ganz wenigen Ausnahmen das Schild „Permit only“ (nur mit Genehmigung) tragen und daher Anwohnern bzw. deren Bekannten vorbehalten sind. So reduziert sich die Auswahl an öffentlichen Parkplätzen auf ein Minimum – ich würde schätzen auf 10km Strand kommen Kapazitäten von 100 freien Stellflächen. Die Situation entspannt sich ab dem 16.09. übrigens signifikant, denn dann ist die Saison offiziell vorbei und bis Mitte Mai können die meisten Parkmöglichkeiten frei genutzt werden. In jedem Fall ergibt sich durch die starke Reglementierung an den Stränden ein faszinierendes Bild: Endloser, weißer Sand, extrem Breit, extrem sauber, extrem tolle Ausblicke auf die Häuser und: bis zum Horizont kein Mensch weit und breit. Wenn man sich so manche Immobilie näher anschaut, möchte man dafür auch sofort in Demut verfallen – hier abends auf der Terrasse mit Seeblick ein Glas Rotwein zu genießen, muss schon etwas Besonderes sein.

Von der Meadow Lane aus fuhren wir weiter gen Osten, um uns Montauk und das Montauk Lighthouse anzuschauen – die Fahrt erstreckt sich nochmals über 50km. Nimmt man die szenische Route in Form des Old Montauk Highways fühlt man sich beinahe wie auf Sylt: Über relativ schmale und überraschend hügelige Straßen geht es an tollen Häusern und faszinierenden Ausblicken auf das Meer vorbei. Montauk selbst wirkt etwas touristischer und definitiv nicht so herausgeputzt, wie die Luxusstädte zuvor. Das Montauk Lighthouse selbst ist ein wirklich faszinierender Ort, der eine eigenartig vertraute und sympathische Ausstrahlung hat. Kaum angekommen, fühlt man sich sofort, als ob dies das Ziel einer langen Reise ist und man hofft, dass der Tag noch möglichst lang ist – ich weiß, das klingt sülzig und platt, aber so ist es nun mal. Rund um den Leuchtturm hat man eine tolle Aussicht auf das Meer und die Fischerboote, die hier keine 100m vom Ufer entfernt auf der Jagd sind. Weiterhin kann man auf einem schönen Trail den Hügel umrunden und in die Turtle Bay absteigen, von der man ebenfalls eine sehr schöne Aussicht auf das Lighthouse hat. Die Geräuschkulisse wird hier einzig vom Meer und dem Kreischen der Möwen geprägt – was für eine Entschleunigung und Harmonie nach den 2,5 Tagen in New York. Einziger Nachteil: Das Parken am Lighthouse kostet 8$, der Eintritt pro Person nochmals 10$ – preiswert ist anders.

Da wir morgen schon wieder weiterfahren und die Hamptons so intensiv wie möglichen erkunden wollten, fuhren wir viel zu früh zurück nach Westen, genauer gesagt nach Easthampton. Auch dieses schöne Städtchen ist eindeutig von einem sehr wohlhabenden Klientel geprägt, hat sich aber auch Straßenzüge mit einer sehr natürlichen Gestaltung der Häuser erhalten. Die Grundstücke wirken hier noch „historisch gewachsen“ und nicht durch hohe Hecken (teilweise übrigens in doppelter Ausführung) abgeschirmt. Während unserer Fahrt nach und durch Easthampton entdeckten wir übrigens eher beiläufig diverse Drehorte aus der Serie „The Affair“ (die übrigens sehr authentisch und wenig verändert gezeigt werden); die Hamptons sind ja ferner auch als Schauplatz für „Royal Pains“ und „Revenge“ bekannt – beide Serien geben das Luxusende Long Islands meiner Meinung nach jedoch nur sehr stark interpretiert wieder.

In Easthampton unternahmen wir einen langen Strandspaziergang im Sonnenuntergang, wobei die Dünung hier fantastische Effekte am Ufer entstehen lässt. Es gibt quasi eine Art Sandbank direkt an der Wasserkante, über die das Meer je nach Höhe der Wellen mal mehr, mal weniger drüberläuft. Der so entstehende Pool zwischen Wasserkante und Strand ist überraschend tief und hat sogar eine Fließrichtung (Osten), so dass prinzipiell schon mal ziemlich viel Bewegung in der Sache ist. Wenn nun noch die Gezeiten und etwas Wind dazu kommen, bilden sich plötzlich flussartige Strömungen, die teilweise schon mal an eine Flutkatastrophe erinnern können (ernsthaft). Das ist toll anzusehen, sehr faszinierend aber für Unbedarfte sicherlich auch gefährlich. Die Hamtpons sind halt sehr charismatisch.

Da unser Abend nach Sonnenuntergang wenig spektakulär verlief, abschließend noch ein paar zusammenfassende Worte zu den Hamptons: Man kann sie sich ein bisschen wie eine Mischung aus Palm Beach (riesige Anwesen hinter hohen Hecken), Newport Beach (riesige Anwesen mit Geschmack) und Sylt (eine sehr exklusive, fast schon abgeschottete Gesellschaft) vorstellen. Das primäre Fortbewegungsmittel scheinen Range Rover zu sein (analog zu den Cayennes auf Sylt), man sieht häufiger Mitdreißiger in Baumwollwesten mit eigenartigen Farben und noch häufiger ältere Männer mit halb so alten Frauen. Das kann schon mal am Ego nagen 😉 Ansonsten ist die Region aber eher ruhig weiß vor allem durch die faszinierende Natur zu begeistern. Man kann hier toll spazieren gehen, das Meer genießen, durch die Häfen schlendern, große Farmen besuchen und ganz allgemein People Watching betreiben. Für 3-5 Tage sicherlich der perfekte Ort am Meer – wäre er nur nicht so schwer zu erreichen. Zur Hauptsaison stelle ich mir eine Reise in die Hamptons ohne Einladung eines Anwohners aber relativ schwierig vor – die Parkplatzauswahl ist wirklich extrem gering und das Straßennetz nur bedingt aufnahmefähig – sogar heute, in der Nachsaison, bildeten sich immer wieder Staus.

Morgen früh werden wir die Hamptons – nach einem viel zu kurzen Aufenthalt – mittels Fähre nach New London verlassen und uns danach Newport anschauen. Schauen wir mal, was der zehnte Tag unserer Reise für uns bereithält.