New England States Tag 10: Eine besondere Beziehung zum Meer

Bevor ich in den Bericht unseres heutigen Tages einsteige, muss ich im Vorfeld um Entschuldigung bitten: wir sind erst vor wenigen Minuten von unserem Abendessen in Providence (Rhode Island) zurückgekehrt und ich habe aktuell gefühlt mehr Blut im Bauch, als in meinen Fingern bzw. meinem Gehirn 😉 Aber wie immer werde ich mein Bestes geben.

Der heutige, zehnte Tag unserer Rundreise begann mit der „Vertreibung aus dem Paradies“, da wir die Hamptons mit einer der ersten Fähren von Orient Point aus verlassen mussten. Der Tag war durchgeplant, die Fähre gebucht (sollte man tatsächlich im Vorfeld machen .. vor allem am Wochenende; in der Saison sowieso) und wir waren auf einer Mission. Auf den knapp 50km Fahrt von unserer Unterkunft in der Nähe von Riverhead zum Fähranleger hatten wir nochmals ausgiebig Gelegenheit die tolle Landschaft und die riesigen Farmen Long Islands zu bewundern – insbesondere die gigantischen Rollrasenfelder sind sehr beeindruckend. Diese werden mittels sehr bemerkenswerter Bewässerungstechnik gepflegt (teilweise mit Hilfe von in Traversen geführten Schläuchen, die sich über mehrere hundert Meter erstecken) und reichen an manchen Punkten der Insel wortwörtlich soweit das Auge reicht.

Am Fähranleger lief dann alles ganz entspannt: wir mussten nur kurz den Buchungscode vorzeigen, wurden dann gefragt ob wir Interesse daran hätten eine Fähre früher als geplant – quasi sofort – zu nehmen (fanden wir natürlich perfekt) und schon wurden wir auf das überraschend kleine Schiff gelotst. Dieses legte auch wenige Momente später ab, so dass wir es uns an Deck bequem machten und die Überfahrt in der Morgensonne genossen. Der rund 76 Dollar teure Service bringt einen in ca. 1,5h stress- und staufrei in die Hamptons bzw. zurück ans Festland nach New London nahe New Haven (hier befindet sich übrigens Yale). Insgesamt eine sehr smarte Option um die zeit- und nervenintensive Fahrt über New York City zu vermeiden.

Vom Fähranleger in New London aus waren es dann nur noch 15 Minuten bis zu unserem Tagesziel: dem Mystic Seaport – the Museum of America and the Sea. Es handelt sich dabei um ein lebendes Museum in der Nähe des Ortes Mystic, welches – nach eigenen Angaben – das größte seiner Art in Amerika ist. Obgleich wir diesen Fakt natürlich nicht verifizieren konnten, sei bereits im Vorfeld angemerkt, dass der Seaport definitiv eines der größten Highlights unserer Reise war. Jeder der sich auch nur ansatzweise für (historische) Seefahrt interessiert, wird hier höchst neugierig einen halben, wenn nicht sogar einen ganzen Tag verbringen können. Ich kann an dieser Stelle sicherlich nicht jedes Detail des Museumsdorfes (das Gelände ist wirklich überraschend groß und der Begriff „Dorf“ nicht übertrieben) wiedergeben, aber ich möchte dennoch kurz die einzelnen Bereiche beschreiben.

Gleich zu Beginn bewunderten wir den Werft-Bereich, in dem Mitarbeiter des Museums historische Boote restaurieren, repartieren und seetüchtig halten. Dies bedeutet, dass es nicht nur ein großes „Ersatzteillager“ in Form von Hölzern, Stämmen und fertigen Masten gibt, sondern auch eine Werfthalle in der tatsächlich gearbeitet wird. Von einer Art Aussichtsdeck aus hat man eine sehr gute Sicht über den Arbeitsbereich und kann den Experten bei ihrer kleinteiligen und handwerklich sicherlich sehr anspruchsvollen Arbeit zuschauen. Allein hier könnten Liebhaber sicherlich geraume Zeit verbringen – es ist wirklich faszinierend, mit welcher Genauigkeit und Authentizität das Museum Restaurationsarbeiten erledigt. Unmittelbar neben der Halle befindet sich das „Dock“ (das Wort ist nicht passend – ich meine viel mehr die „Starteinrichtung“ für Schiffe, mit der diese erstmals zu Wasser gelassen werden), mit dessen Hilfe z.B. die für insgesamt ca. 5 Millionen US-Dollar restaurierte Charles W. Morgan – ein Walfangschiff – wieder auf die Reise geschickt wurde.

Vom Werftbereich aus begaben wir uns zu diversen kleineren und größeren Hütten, die einzelne Gewerke des Schiffsbaus bzw. der maritimen Industrie näher vorstellten. Hierzu zählte z.B. ein Lobstershack (hier kann man sehen, wie Hummerkörbe gebaut werden), eine Schmiede, eine Faßküferei, ein Schiffszubehörladen („Chandlery“), eine Art Supermarkt (Grocery & Hardware Store), eine Schule, eine Kirche sowie mehrere Wohnhäuser. Ein absolutes Highlight war die Seilerei – ein sehr langes Gebäude, in dem über zwei Stockwerke gezeigt wird, wie Taue hergestellt wurden und manchmal noch heute werden. Außerdem verfügt das Museumsdorf über mehrere Ausstellungen (z.B. zum historischen Walfang), die ebenfalls in zeitgenössischen Gebäude untergebracht sind. In nahezu jedem Gebäude warten Freiwillige, die sehr gern und bereitwillig weitere Details erklären. Äußerst angenehm ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass das Personal tatsächlich auf die Vermittlung von Wissen auf angenehme, unkomplizierte Art fokussiert ist und nicht nach zwei Minuten die Frage folgt: „Where are you from?“ (in der Regel der Beginn eines längeren Smalltalks). Als weitere, sehr liebevoll realisierte Station sei das Diorama des Seaports und seiner Umgebung zur Zeit des 19. Jahrhunderts genannt – hier müssen sehr viele Freiwillige sehr viel Liebe investiert haben. Gleiches gilt übrigens auch für diverse andere, funktionstüchtige Exponate. So wurde z.B. ein Diesel-Motor gezeigt, dessen Restauration mehr als 3.300 Stunden gedauert hat – sehr beeindruckend.

Neben den Gebäuden an Land verfügt Mystic Seaport natürlich auch über mehrere Boote, die man zum Teil betreten kann. Auch diese wurden sehr sorgfältig wiederaufgebaut bzw. sind an einzelnen Baustellen nach wie vor Experten aktiv – auch sie sind sehr aufgeschlossen und erklären neugierigen Besuchern gern was sie hier tun und worauf man dabei achten muss. Das bekannteste Exponat – die Charles W. Morgan – konnten wir leider nicht selbst entern, da am heutigen Tag ein Kran da war und verschiedene Teile der Masten abgenommen wurden. Dies war zwar traurig, dafür konnten wir beim Mittagessen am Wasser zuschauen, wie schwindelfreie Mitarbeiter des Museums in der Takelage rumkletterten – ebenfalls sehr spannend. Man hätte übrigens auch noch eine kleine Rundfahrt um die malerisch gelegene Anlage unternehmen können, was wir aus Zeitgründen aber nicht wahrnehmen konnten.

Alles in allem ist Mystic Seaport wirklich extrem sehenswert und lädt zum Verweilen ein. Es bieten sich überall spannende Fotomotive, interessante Gespräche und eine außergewöhnliche Atmosphäre. Durch den lebenden Charakter des Museums liegt die Seefahrt wortwörtlich in der Luft; nahezu jede Anlage und jedes Exponat kann bei Bedarf angeschaltet bzw. demonstriert werden. Zusammenfassend ist Mystic daher bisher meine Platz 1-Sehenswürdigkeit in New England.

Vom Seaport aus fuhren wir einige Kilometer weiter nach Narragansett, um uns die Strände in der Bucht anzuschauen. Dort angekommen zeichnete sich ein überraschendes Bild: durch die Nähe der Brown University und die Tageszeit (Freitagnachmittag) war der Strand quasi voll von jungen Menschen, was bei dem insgesamt eher hohen Altersschnitt in den Neu England-Staaten durchaus willkommen ist. Auch sonst ist der Strand sehr einladend, ist er Sand doch recht weich und vor allem breit und ziemlich sauber. Durch das ungewöhnlich flache Küstenprofil bietet sich die Bucht zum Wassertreten förmlich an, was durch die sehr gemäßigten Wassertemperaturen (alles ist relativ) nochmals attraktiver erscheint. Die Möglichkeit sind jedoch limitiert, da der Strand nur etwas mehr als einen Kilometer lang ist. An einem Ende geht der Sand recht abrupt in eine steinige Landzunge über, am anderen Ende steht „The Towers“ – ein ikonischer Steinbogen zwischen zwei Türmen, der gleichzeitig das Erkennungsmerkmal der Region darstellt. Insgesamt daher ein schöner Zwischenstopp für einen Spaziergang am Meer, der aber von der Qualität und Exklusivität hinter den Stränden der Hamptons deutlich zurückbleibt (man muss ja auch realistisch bleiben).

Im weiteren Verlauf unserer Fahrt suchten wir noch nach einem zweiten Stand zum Spazierengehen, was jedoch eher erfolglos war (Beschreibungen unserer Fehlschläge spare ich einfach aus .. niemand ist schließlich an Details zu einem Ministrand unmittelbar neben einem riesigen Industriegebiet interessiert). Beim abendlichen Besuch in Providence wurde wieder einmal klar, wie krass in Amerika die unterschiedlichen Aktivitätsprofile unter der Woche und am Wochenende sind. An einem Freitagabend ohne Reservierung essen gehen zu wollen, setzt schon mal 20 – 30 Minuten Geduld voraus – diese hatten wir offensichtlich.

Morgen geht es für uns weiter in Richtung Newport, von wo aus wir diverse Anwesen aus der Kolonialzeit erkunden werden. Abends geht es dann weiter nach Boston, wo wir die nächsten zwei Nächte verbringen werden. Aus aktueller Sicht ist das Wetter leider ein Wackelkandidat – hoffen wir das Beste!