New England States Tag 14: die Geduldsprobe

Unser vierzehnter Tag an der Ostküste der Vereinigten Staaten begann zunächst ziemlich nach Plan: der Regen hatte aufgehört, der Himmel war immer noch recht zugezogen und der kleine Teich vor unserer Tür begann langsam auszutrocknen. Während die Arbeiter auf dem Anwesen gegenüber begannen das nächste Feriendomizil aufzuhübschen, frühstücken wir uns also gemütlich in den Tag.

Da wir noch keinen allzu guten Überblick über Cape Cod hatten – die beschauliche Insel ist immerhin 60km hoch und 50km breit – hatten wir am Vorabend eine Route aus mehreren verteilten Stationen geplant, um die Gegend etwas besser kennenzulernen. Stopp Nummer eins war das im Nordwesten gelegene Städtchen Sandwich, dass über tolle Strände verfügen soll. Bereits auf der rund 45 Minuten langen Fahrt kamen uns leichte Zweifel bezüglich unseres Vorhabens, denn plötzlich war der Regen zurück und obgleich die Intensität eher wechselhaft war, gab es plötzlich keine Tendenz für sonnige Bedingungen mehr. Irgendwann wurden die Straßen immer kleiner, wir erreichten unser Ziel und mussten sofort den Plan verwerfen zumindest ein paar Fotos zu machen, denn der Regen war unerfreulich intensiv. Dass er noch Reserven hatte, merkten wir auf dem rund 200m langen Weg auf den Strand – plötzlich wurden die Tropfen dicker und häufiger, so dass wir binnen weniger Augenblicke komplett durchnässt waren.

Machen wir es kurz und beschränken uns darauf, dass wir rund eine Stunde später an der zweiten Station im Südosten, genauer gesagt in Chatman, ankamen. Auch in Chatman nieselte es noch, aber hier war plötzlich erstaunlich viel los. Chatman ist touristisch sehr stark erschlossen und selbst in der Nebensaison hart an der Grenze zu überlaufen. Hinzu kommt der eher unglückliche Umstand, dass es so gut wie keinen (eigentlich gar keinen) öffentlichen Parkplatz gibt. Die einzige valide Option ist mehr als zwei Meilen vom Strand entfernt, was natürlich schon eine recht heftige Entfernung darstellt. Man darf jedoch 30 Minuten an einem Lookout-Point gegenüber der Coastguard-Station parken und der zugehörige, recht kurze Strandabschnitt hat es wirklich in sich. Die Fahrrinne verläuft hier sehr nah am Strand, so dass die einlaufenden Fischerboote ganz nah vorbei kommen. In weniger als 100m Abstand erstreckt sich eine weitere Insel, die größtenteils von Seehunden besiedelt wird – er ergibt sich also ein sehr schönes Panorama. Mich hat die Stimmung (es war zum Zeitpunkt unserer Besichtigung sehr neblig) an „Der Sturm“ erinnert – falls den Film aus 2000 noch jemand kennt 😉

Von Chatham aus fuhren wir weiter gen Norden, unser nächstes Ziel war das Visitor Center am Salt Pond. Da der Regen eher wieder zunahm, war das Center sehr stark frequentiert und schien für viele Besucher als eine Art Zuflucht zu fungieren. Leider waren die freundlichen Freiwilligen auch eher überfordert und hatten keine Informationen zu den Wetteraussichten für den Nachmittag. So richtig viele Dinge gab es hier leider nicht zu entdecken, so dass wir mit ein paar Broschüren zu nahegelegenen Wanderoptionen weiterzogen.

Die nächsten zwei Zwischenstationen unserer Reise fielen ebenfalls ins Wasser. „Eigentlich“ wollten wir eine Wanderung bei Coast Guard Beach unternehmen (uneigentlich waren wir da und haben im Auto 20 Minuten ein Schläfchen gehalten, um auf Besserung zu warten) und anschließend die Three Sister Lighthouses beim Nauset Light Beach besuchen. Da waren wir, gesehen haben aber nichts – ich hatte ein Dejavu an Two Lights in Maine. Aber immerhin kennen wir jetzt den Weg und können morgen einfach einen zweiten Versuch starten.

Am nächsten Zwischenstopp am Great Island Trail an der Westküste der Insel gab es außer seeeehr viel Marschland und noch mehr Regen ebenfalls nichts zu sehen, so dass wir letztendlich bis nach Provincetown (hier häufig einfach P-Town genannt) weiterfuhren. Wie bereits gestern beschrieben, gilt Provincetown als Hochburg Andersliebender und soll u.a. daher Ähnlichkeiten zu Key West besitzen. Nachdem wir da waren, würde ich das sehr touristische Städtchen als Key Wests „dirty little Sister“ beschreiben. Es gibt im Prinzip nur eine recht kleine Innenstadt, auf die sich alles konzentriert, diese besteht aus meist kleinen, sehr eng gepackten Geschäften, es hängen überall bunte Fahnen rum das übliche Verkehrschaos verbessert das Bild nicht eben. Negativ fiel mir der omnipräsente Geruch von Frittierfett auf, aber das ist sicherlich individueller Wahrnehmung geschuldet. Da wir unmittelbar nach unserer Ankunft in Provincetown (der Regen hatte endlich aufgehört und die Sonne kam langsam raus) Tickets für eine Walbeobachtungstour gebucht hatten, mussten wir unseren Spaziergang durch die bunte Stadt auf rund 1,5h beschränken – was denke ich aber auch weitestgehend ausreicht.

Pünktlich um 16:00 Uhr brachen wir dann auf unseren „3 bis 4 Stunden“ langen Bootsausflug in Richtung der Stellwagen Bank auf. Das Vehikel unserer Wahl war die „Dolphin X“, ein recht großes und modernes Schiff mit zwei Besucherdecks und recht sympatisch wirkender Crew (Kostenpunkt: 90$ für zwei Erwachsene). Das Meer war zum Zeitpunkt unserer Tour sehr ruhig, die Sonne versteckte sich ab und an hinter Schleierwolken und es war fast windstill – insgesamt sehr schöne Bedingungen für eine Ausfahrt bis zum Sonnenuntergang. Bereits nach den ersten Minuten waren wir positiv überrascht. Nichts klapperte an Bord, die Geräusche des Motors waren recht leise und wir fuhren mit über 40km/h in Richtung der Walgründe (meist zwischen 22 und 23 Knoten – also ziemlich flott). Nach rund 45 Minuten Fahrt, während der eine sehr hübsche Ozeanologin einige Grundlagen zu Walen und ihrem Verhalten vermittelte, begannen plötzlich die ersten Kinder laut zu kreischen – offensichtlich hatten wir unser Ziel erreicht.

Die dann folgenden rund 60 Minuten waren durchaus beeindruckend und überzeugten uns davon, dass die Tour ihren Preis tatsächlich wert war. Walbeobachtungstouren werden ja sehr häufig angeboten und bisher hatten wir immer Zweifel, ob sich ein solches Event lohnen würde bzw. ob man auch tatsächlich Wale sehen würde. Aufgrund einer persönlichen Erfahrung aus dem Freundeskreis haben wir uns dieses Mal aber auf das Abenteuer eingelassen und wurden sehr positiv überrascht. Über nahezu den gesamten Zeitraum konnten wir immer wieder Buckelwale („Humpback Whales“) bei der Jagd und Nahrungsaufnahme beobachten. Dabei gab es „ruhigere“ Momente (wenn die Wale ausgeatmet oder z.B. in Zeitlupe ihre Schwanzfloße aus dem Wasser gestreckt haben) und echte Highlights, wenn im Rudel gejagt wurde. Die Wale schwimmen dann unter Wasser im Kreis, stoßen Luftblasen aus und vermitteln damit dem Beutefisch die Information, dass dieser in eine Wand schwimmt. Die potentielle Nahrung wird von den Walen dann noch oben getrieben, so dass sich am Ende dieses Vorgangs ein spektakuläres Bild an der Wasseroberfläche ergibt. Da sind dann plötzlich ein, zwei oder gar drei Walmäuler, die mehrere Meter aus dem Wasser schauen und dazu ein wildes Getümmel aus Seevögeln, die versuchen ebenfalls ihren Teil abzugreifen. Das ganze geschieht teilweise so nah am Boot (teilweise nur ca. 30m vom Rumpf entfernt), dass es wirklich beeindruckend ist. Der Captain unseres Walbeobachtungsschiffs versuchte dabei immer wieder sachte an die Tiere heranzufahren und das Boot querab zu bringen, so dass möglichst viele Passagiere eine gute Sicht hatten. Die Ozeanologin erklärte parallel dazu das Geschehen mittels Funkmikrophon und Lautsprecher – das war alles in allem schon ziemlich professionell.

Ein wenig enttäuschend fand ich den Umstand, dass wir die Beobachtung nach ziemlich genau 1h abbrechen „mussten“ und zurück gen Hafen fuhren. Wären wir mit der gleichen Geschwindigkeit zurück- wie hingefahren, hätte die Tour aber nur 2,5h gedauert. Also wurde gedümpelt, so dass wir immerhin 2,75h unterwegs waren. Das war okay, aber wenn man 3-4h verspricht und das Glück hat recht schnell einen vielversprechenden Spot zu finden, hätte man sich meiner Meinung nach durchaus noch länger Zeit lassen können. So blieb uns leider der Anblick eines „springenden“ Wals verwehrt – wir sahen diesen äußerst bemerkenswerten Vorgang einmal aus sehr großer Entfernung und einmal nah am Boot, bemerkten ihn aber zu spät. Der ganze leicht Geschmack des durchaus weit verbreiteten „Touristennepps“ blieb also auch hier.

Einen romantischen Sonnenuntergang und 60 Minuten Fahrt später kamen wir wieder an unserem Ferienhaus an. Nun steht noch die Planung des morgigen Tages an, welcher aus aktueller Sicht signifikant bessere Wetterbedingungen bieten soll. Grundsätzlich werden wir vermutlich die gleichen Stationen wie heute ansteuern – dieses Mal allerdings mit mehr Bewegung und weniger Nebel bzw. Regen.